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MÜNCHNER  SPAZIERGÄNGE

STAND: MÄRZ 2021


AM HART & HARTHOF


20. November 2020:  Der Münchner Norden hat sicher nicht die Anziehungskraft der bekannteren Viertel wie beispielsweise Nymphenburg, Schwa­bing oder Solln. Im Norden verirren sich dem­nach kaum Touristen, denn für diese endet die Welt der Sehenswürdigkeiten beim Olympiapark und dem extravaganten Bau der BMW-Welt. Allenfalls wird ein Besuch der Allianz Arena geplant.

Es ist letztlich nur der Zufall, der zu Entdeckungen nördlich des Mittleren Ringes führt. Und man muss auch eine Ader für das Unspektakuläre mitbringen, eine Neugier für kleine Details, für Stadt­ent­wick­lung und soziale Milieus.

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Ich fahre die Knorrstraße  entlang in Richtung Nor­den. Zwischen Petuelring und Frankfurter Ring kann ich das Straßenbild nur als „be­klem­mende Gleichförmigkeit“ beschreiben. Die gesichtslose Wohnarchitektur der Nach­kriegszeit lädt kaum zum Anhalten ein. Nördlich des Frankfurter Rings ändert sich dann das Bild ein we­nig. Zunächst prägen In­dus­trie- und Gewerbeansiedlungen beidseits der Straße das Bild – freilich sind es keine im­posanten Industriebauten mit „vintage“ Charakter, solche also, die von Touristen bestaunt werden könn­ten. Auch hier ist Fantasielosigkeit das Hauptmerkmal.

Ich wäre vermutlich ohne irgendwo anzuhalten weitergefahren, hätte nicht ein imposanter Glas-und-Stahl-Bau an der linken Straßenseite meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Mir fehlt leider das Architektur-Vo­ka­bular, um den be­ein­dru­cken­den Bau, das Forschungs- und In­no­va­tions­zen­trum  (FIZ) der Firma BMW, zu be­schrei­ben. Es muss das Foto ausreichen! Jedenfalls ist die Gegend für mich schlagartig „interessant“ ge­worden.

BMW: Forschungs-/ Innovationszentrum


BUCHTIPP:
Die Geschichte der Bayerischen Motoren-Werke.
Die Frühphase der Bayerischen Motoren Werke ist aufs engste mit den politischen und wirt­schaft­lichen Ereignissen der Jahre des Ersten Weltkriegs und der Wei­marer Republik verflochten. Ur­sprüng­lich auf Flugmotoren spe­zia­li­siert, stieg BMW noch im Krieg zum Luftfahrt- und Rüs­tungs­konzern auf. Nach Aufnahme der Motorrad- und Au­to­mo­bil­pro­duk­tion entwickelte sich BMW bis 1929 zu einem diversifizierten und profitablen Unternehmen.

Man kommt in diesem Stadtviertel nicht darum herum, an ein dunkles Kapitel der deutschen Ge­schichte erin­nert zu werden. Gegenüber des mo­nu­mentalen BMW-Baus findet man ein etwa drei Meter hohes Denkmal, das an die sogenannte Ju­den­sied­lung Milbertshofen erinnert. Diese sollte als Sammelunterkunft für die jü­di­sche Bevölkerung Münchens dienen, die seit 1939 systematisch aus ihren Wohnungen verdrängt wurde. Ab dem 25. März 1941 mussten jüdische Zwangsarbeiter das für sie bestimmte Lager in der Knorrstraße  errichten. Mehr al 1300 Menschen wurden hier interniert und als Zwangsarbeiter in verschiedenen Münchner Betrieben eingesetzt. Das Lager diente hauptsächlich als Durchgangslager für die Deportationen in die Konzentrations- und Vernichtungslager Piaski, Theresienstadt  und Auschwitz.

Das Mahnmal für das Milbertshofener Judenlager

Das Mahnmal befindet sich am Anfang der Trop­pau­er Straße. Troppau – ich weiß es, weil eine Tante von mir aus der Gegend stammte – ist eine Stadt in der Mährisch-Schlesischen Region  im heutigen Tschechien. Dort heißt sie Opava. Als ich in der Siedlung, die sich westlich von der Knorrstraße  bis hin zur Ingolstädter Straße  ausdehnt, he­rum­spa­ziere, stoße ich auf weitere Straßennamen, die auf einen ähnlichen geo­gra­fi­schen Ur­sprung verweisen: Karlsbader Straße, Mährische Straße, Egerlandstraße, Marienbader Straße, Su­de­ten­deutsche Straße.

Die Siedlung trägt den Namen Am Hart und hat eine etwas zweifelhafte Vergangenheit. Entstanden ist sie als „Reichskleinsiedlung am Hart“ in den Jahren 1933 bis 1935. Ursprünglich war sie für kinderreiche Ar­bei­ter­familien geplant worden. Die Siedlerstellen wurden durch Los an „rassisch ein­wandfreie“, erbgesunde und zuverlässige Bewerber verteilt. In den ersten drei Jahren wurden die Siedlerfamilien überprüft, ob sie sich dem „Wohl der Gemeinschaft“ anpassen wollten. Jeder Siedler musste sich verpflichten, sein Gartenland or­dent­lich zu bebauen und Kleinvieh zu halten.

Einfamilienhaus aus den 1930ern

Die Häuser waren nahezu identisch

Es entstanden knapp 340 nahezu iden­ti­sche Einfamilienhäuser für Arbeiter rund um das Gebiet an der In­gol­städter Straße. Man errichtete schlichte, karge Putzbauten mit Satteldach und rechteckigen Fenstern. Das Siedlungsgebiet wurde durch ein rechtwinkliges Straßennetz erschlossen, in das großzügige Grün­be­reiche eingefügt sind. Der parkartig gestaltete und wie ein Anger wirkende Aussiger Platz  dient als Er­ho­lungs­fläche. Aussig  (Tschechisch „Ústí nad Labem“) ist – wie könnte es anders sein? – eine Stadt in Nord­böhmen.

Der Aussiger Platz

Durch die Benennung von Straßen zeigte sich der Expansionsdrang des NS-Regimes, welches durch ter­ri­to­ria­len Anschluss die deutsche Bevölkerung „Heim ins Reich“ holen wollte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Zusatz „Reichskleinsiedlung“ gestrichen. Die Struktur eines Wohnviertels für Arbeiter blieb erhalten und die Spuren sind auch heute noch zu erkennen, wenn auch ein großer Teil der Häuser erweitert und mo­der­ni­siert wurde und viele auch neu errichtet wurden. Noch heute leben und wohnen hier Nachfahren der ersten Siedler-Generation, aber auch viele neue Nachbarn sind im Lauf der Zeit hinzugekommen. Nach dem Krieg zo­gen auch zahlreiche Sudetendeutsche und Schle­sier in die Siedlung. Entsprechend wurden auch Stra­ßen­na­men umgewidmet, als Erinnerung an die Heimat der Neuankömmlinge. So kamen in den 1950er-Jahren die Prager Straße, die Gablonzer Straße  und die Wenzelstraße  hinzu.


BUCHTIPP:
München: Die Stadtviertel in Geschichte und Gegenwart
Das Buch erzählt auf 320 Seiten die Geschichten von Menschen, Plätzen und Ereignissen aus den Münchner Stadtvierteln. Dazu ganz persönliche Tipps der SZ-Redakteure und Wis­sens­wertes aus Historie und Ge­gen­wart der Münchner Stadtteile.

Geschichtsauffrischung: Sudetenland  war die Be­zeichnung für ein Gebiet der Tschechoslowakei ent­lang der Gren­zen zu Deutschland und Österreich, in dem vor dem Zweiten Weltkrieg über­wie­gend Deutsche nach Spra­che und Kultur lebten. Mit dem Münchner Abkommen  von 1938 kam das Gebiet an das Deutsche Reich, nach dem Zweiten Weltkrieg ging es zurück an die Tsche­cho­slo­wakei und die deutschen Bewohner (die „Su­de­ten­deut­schen“) wurden von dort vertrieben.

2. Haus von links: gleich geblieben

Als ich eine Weile ziellos in der Siedlung um­her­ziehe, stoße ich auf ein Haus, das meine Auf­merk­samkeit auf sich zieht. In seinem Garten finden sich zahlreiche interessante Kunstobjekte wie beispielsweise eine Reihe von Glühbirnen, die mit Wä­sche­klam­mern an eine Leine befestigt wurden, eine herabhängende Schnur mit von Hand auf­ge­fä­delten Muscheln, eine kunstvolle Blu­men­topf­säule und zahlreiche Plastiken.

Vor allem sind es eine Reihe von kleinen Cha­rak­ter­köpfen aus Ton, die mich wegen ihrer Aus­drucks­stärke fas­zinieren. Aus diesem Grund nehme ich mir hier die Freiheit, diese Fotos zu zeigen und auf die Webseite der Künstlerin zu verweisen.

Kunstobjekte von Renata Messing

Als ich zurück zur Knorrstraße  gehe, ist das nächste Kunsterlebnis fällig. Direkt vor dem Schulgebäude des Gym­nasiums München-Nord  ist die in­te­ress­ante Plastik Feuer & Flamme zu sehen. Die Skulptur, eine sti­li­sier­te Olympische Flamme, deren Oberfläche aus poliertem Edelstahl besteht, wurde von Bruno Wank  für dieses Gymnasium geschaffen, dem die Förderung des Leistungsports ein zentrales Anliegen ist. Ab der achten Klas­se wird hier rund ein Viertel der Schüler sportlich gefördert. Sie trai­nieren für nationale und internationale Wett­kämpfe.

Feuer & Flamme (Bruno Wank)

Was für ein Gegensatz! Die Westseite der Knorr­stra­ße  ist von Industriebauten und moderner Ar­chi­tek­tur ge­prägt. Die nordöstliche Seite hat hingegen ein völlig entgegengesetztes Erscheinungsbild. Fast ana­chro­nis­tisch kleinteilig, bescheiden, mit einem Anflug von ur­münch­ne­rischem Flair. Und wieder: Sogar an der kleinen Kneipe „Galerie Stüberl“ mit ihrem Vorstadtcharme erkennt man das identische Baumuster der Vorkriegszeit.

Das Galerie Stüberl

Und etwas weiter, dort, wo die Knorrstraße  in den Lieberweg  übergeht, befindet sich das „Zie­gel­haus“, ein Restaurant mit Wintergarten und einem urgemütlich aussehenden kleinen Biergarten – zu­min­dest in der Fantasie. Denn die durch den kalten Herbsttag bedingte Leere lässt das Ganze ziemlich trostlos erscheinen.

Das Ziegelhaus


Nach dem Siedlungsbau von „Am Hart“ wurde nördlich der Rathenaustraße  ab 1939 mit dem Bau der „Volks­wohn­anlage Am Harthof“ begonnen. Der NS-Staat war an der raschen Fertigstellung in­te­ressiert, weil hier vor allem Industriearbeiter an­ge­siedelt wer­den sollten. Ganz im Ge­gen­satz zu den kleinen Einfamilienhäusern der Siedlung Am Hart  errichtete man in der Siedlung Harthof große Wohn­blö­cke in Zeilenbauweise.

An der Rathenaustraße

Die meisten Gebäude wurden in den Jahren 1939 bis 1945 als Einfachstwoh­nun­gen errichtet. Nach dem Krieg entstanden dann weitere ähnliche Zei­len­bauten. Um die Einförmigkeit zu überwinden, wurden die Bauten zwar aufgelockert, lose grup­piert und versetzt, dennoch ist ihnen das Er­schei­nungs­bild von bescheidenen Sozialwohnungen geblieben. Viele dieser in den 1940er- und 1950er-Jahren errichteten Häuserblöcke muss­ten dringend erneuert werden – in einigen der langen Wohn­rie­geln hatten die Wohnungen nur Toiletten, keine Bäder, tiefe Decken, und im Winter konnte nur in kleinen Öfen geheizt werden. Einige marode Gebäude wur­den bereits abgerissen.

Massensiedlung „vintage

Die Gebäude westlich des Lieberwegs  sehen so aus, als wäre der Zustand der 1940er- und 1950er-Jahre „ein­ge­fro­ren“ worden. Zwei- bis drei­ge­schos­sige Bauten, steil geneigte Satteldächer, im We­sent­lichen balkonlos. Ob die Wohnungen den heutigen Wohnstandards entsprechen oder nicht, ist von außen nicht zu beurteilen. An eine erfolgte Sanierung lassen lediglich die pastellfarbenen Fassaden denken.

Patina

Warum fasziniert mich diese in die Jahre ge­kom­me­ne, etwas trostlos wirkende Siedlung so sehr? Sind es die Spuren der Vergangenheit – Neues ist ge­schichts­los – oder ist es eine unterschwellige Sympathie für Men­schen, die sich exklusivere Gegenden nicht leisten können? Hat es etwas mit verschwommenen Erinnerungen an Orte meiner Kindheit zu tun? Ist es die Ästhetik der „Patina“ von abbröckelndem Putz? Oder sind es viel­leicht die großzügigen Freiflächen, die zahlreichen „an­hei­meln­den“ Mietergärten? Vielleicht ist es aber auch nur das wei­che Licht des späten Nachmittags, das die Farben der Fassaden aufleuchten lässt, welches mich in eine Art Rausch des Sehens versetzt. Immerhin ist hier im Gegensatz zu den Massensiedlungen a la „Neu-Perlach“ das mensch­liche Maß noch vorhanden.

Es ist interessant zu wissen, dass es im Harthof im Vergleich zum stadtweiten Durchschnitt deutlich mehr Fa­mi­lien mit Kindern gibt – und deutlich mehr Kinder ohne Familie: Alleinerziehende Mütter und Väter ma­chen fast ein Viertel aller Haushalte aus. Etwa zweimal so viele Familien werden vom So­zial­amt betreut als im Münchner Durchschnitt.

An diesem kalten Novembertag sieht man kaum je­man­den auf der Straße, nur vereinzelt Menschen, de­nen man den Migrationshintergrund sofort ansieht. Ironie der Geschichte: Wie war das noch mit den „arischen“ Vor­stel­lungen der Natio­nal­so­zialisten?

Kleines Glück


Die rasche Bebauung des Wohngebiets Harthof in den 1950er-Jahren führte 1956 zur Errichtung eines Kir­chen­baus für die zugezogenen Katholiken, die Sankt-Gertrud-Kirche an der Weyprechtstraße.

Die Sankt-Gertrud-Kirche

Als in den 1950er-Jahren der Münchner Norden be­siedelt wurde, war er vor allem ein land­wirt­schaft­lich ge­prägtes Gebiet. Dann zogen Flüchtlinge und Vertriebene hierher, darunter viele evangelische Christen. Es bil­de­te sich eine Gemeinde und es entstand der Wunsch nach einer eigenen Kirche. Der Architekt Franz Gürt­ner entwarf die Pläne für die Versöhnungskirche. 1957 wurde sie eingeweiht.

Die Versöhnungskirche  in der Hugo-Wolf-Straße wurde nach dem Motto der evangelischen Kirche im Jahr der Grundsteinlegung 1956 benannt: „Lasset euch versöhnen mit Gott“. Dieser ist über dem Haupt­portal an­ge­bracht.


Als müsste ich noch davon überzeugt werden, dass es sich lohnt, die Gegend weiter zu erforschen, bricht die Sonne plötzlich zwischen den Wolken hervor und taucht mit unerwarteter Wucht Straßen und Häuser in kraftvolle Farbtöne ein. Es entsteht eine Stimmung, die mich elektrisiert! Herbstliches Spätnachmittagslicht, das Maler und Fotografen entzückt!

Zauberhaftes Licht

Viele der Wohnungen aus den 1940er- und 1950er-Jahren wurden inzwischen saniert. Andere mussten ab­ge­rissen werden und wurden unter Be­rück­sich­tigung der historischen Siedlung neu er­rich­tet. Durch eine mo­de­ra­te Erhöhung der Geschosszahl erzielte man eine „behutsame Nachverdichtung“ (Lese: weniger Grünfläche pro Wohnung)! Besonders im Gebiet östlich des Lieberwegs  hat eine Neubebauung stattgefunden.

Um sich ein Bild der baulichen Veränderungen zu machen, nützt ein Vergleich zwischen der Wohn­an­la­ge an der Rathenauer Straße, wie sie heute zu sehen ist, und der alten, inzwischen abgerissenen Siedlung an der selben Stelle, (zu sehen mittels Google-Street View). Google konnte seine Bilder glücklicherweise nicht aktualisieren.

Neu errichtetes Gebäude an der Dientzenhoferstraße

Projektbeschreibung seitens der GWG München (Städtische Wohnungsgesellschaft München): „Zusammen mit dem Berliner Farbkünstler Erich Wiesner wurde eine Farbpalette für das gesamte Entwicklungsgebiet Harthof erarbeitet, welche sich an der ursprünglichen Farbigkeit der Siedlung orientiert, ihr jedoch Intensität und eine neue Frische verleiht. Das Gelb-orange, wie auch das frische Grün, ziehen sich in das Innere der Ge­bäude, im Bereich der Treppenhäuser, fort und bilden eine harmonische Verbindung zwischen Innen und Au­ßen.

Farbigkeit


BUCHTIPPS:
München Ortstermin: Die Stadt nach dem Krieg und heute
München nach dem Zweiten Weltkrieg. Bis in die 1960er Jahre geprägt von den Zerstörungen der Luftkriege und dem Wiederaufbau. Den historischen Bildern der 1950er und 1960er Jahre sind entgegengestellt Bilder von heute.

Grün in München: Plätze, Parks und Paradiese
Münchens Natur hat viel mehr zu bieten als den Eng­lischen Garten und den Nymphenburger Park. Die Autoren porträtieren in diesem Buch über 100 Grün­anlagen und Na­tur­schutz­gebiete innerhalb der Stadtgrenzen. Neben der Dar­stellung von Gärten, Parks, Spielplätzen, Friedhöfen und der schöns­ten Isarabschnitte wird Wissenswertes zur Geschichte, zur Land­schafts­ar­chi­tektur und zur Ökologie vermittelt.