MÜNCHNER  SPAZIERGÄNGE

STAND: JANUAR 2022


IM WALDFRIEDHOF


18. NOVEMBER 2020:  Ein herrlicher Herbsttag! Ideal für einen Spaziergang in dem als Land­schafts­schutz­gebiet  ausgewiesenen Waldfriedhof. Er ist in Deutschland der Erste in einen bestehenden Nutzwald ein­ge­bet­tete Friedhof, ein Stil, der aus Skandinavien kam.

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Erreichen kann man ihn mit der U-Bahn U6 (Rich­tung Großhadern). Von der Station Holzapfel­kreuth  sind es etwa 10-12 Minuten zu Fuß. Für Autofahrer gibt es einen Parkplatz an der Ost­sei­te der Fürs­ten­rieder Straße. Wenn man von der Innenstadt kommt, ist es etwas kompliziert. Lassen Sie sich vom Navi führen!

Die Aussegnungshalle

Es gibt viele Gründe, einen Friedhof zu besuchen. Um Gräber von geliebten Verstorbenen zu be­su­chen, um über die Vergänglichkeit des Lebens nach­zu­den­ken oder um zwischen ver­moosten Kreuzen, einfachen Stelen, verwitternden Stein­sar­ko­phagen und lachenden En­geln einen Ort der Ruhe auf­zu­su­chen. Es gibt Friedhöfe, die wegen des un­glaub­li­chen Pomps ihrer Grabmäler und fi­gür­li­chen Dar­stel­lungen zur touristischen Se­hens­wür­dig­keit ge­wor­den sind, wie der Monu­men­tal­fried­hof  Staglieno in Genua  oder der Friedhof  La Recoleta in Buenos Aires.

Im polnischen Przemysl  machten mich einst die zerstörten Gräber des jüdischen Friedhofs tief traurig, in einem alten deutschen Friedhof im Böhmerwald musste ich mit Beklemmung über die deutsche Geschichte nachdenken. Was mich besonders fasziniert, ist der Gedanke, dass man in einem Friedhof nicht nur unzählige Gräber findet, sondern dass diese mit ebenso zahllosen Ge­schich­ten verbunden sind. Es ist, als ob diese Ge­schich­ten noch in der Luft schwebten, als mochten sie un­be­dingt noch „gelesen“ und in Erinnerung ge­bracht werden.

Freizeitnutzungen in Friedhöfen werden manchmal mit einer gewissen Skepsis begegnet. Sie werden als pie­tät­los und störend empfunden oder gar rundweg abgelehnt. Friedhöfe wie der Münchner Waldfriedhof sind aber wegen ihrer ruhigen At­mos­phä­re und des be­ein­druckenden Baum­be­stan­des längst zu geschätzten Orten für die Naherholung geworden. Der Wandel vom Friedhof zum Park braucht eben seine Zeit, und seien es Generationen.


BUCHTIPP:
München mit anderen Augen sehen
Das Buch „München mit anderen Augen sehen: 23 Spaziergänge zu besonderen Orten“ sammelt 23 ganz besondere Touren, erzählt von Orten, die eine ganz besondere Bedeutung haben, vom früheren Hasen­jagd­revier der Kurfürsten zu einer Gedenktafel für einen Wi­der­stands­kämpfer, zu einem Pilgerweg, der an Schloss Schleiß­heim vor­beigeht, zur über 800 Jahre alte Heilig-Kreuz-Kirche und vielem mehr.

Das Konzept, einen Friedhof ohne die üblichen strengen geometrischen Formen zu schaffen, wurde von dem Fried­hofs­architekten und Stadtbaurat Hans Grässel  entwickelt. 1905 begann er mit den Arbeiten im ehe­ma­ligen Hoch­wald­forst von Schloss Fürstenried. 1907 war der alte Teil des Wald­fried­hofs mit 35.000 Grabstätten fertiggestellt.

In dem bereits an einigen Stellen lichten Nutzwald schuf Grässel  Platz für Haine und Lich­tungen mit Grab­fel­dern. Die Gräber wurden so eingebettet, dass der Waldcharakter erhalten blieb. Es gibt oft keine deutlich sichtbare Grenze zwischen den ein­zel­nen Grabparzellen. Daher stehen viele Gräber einfach wie mit­ten im Wald. Die Wege ähneln Waldpfaden. Sie verlaufen fast planlos zwi­schen den Bäumen und verlieren sich zwischen diesen, nur um hier und da den Blick auf eine Lichtung mit Gräbern freizugeben.

Wenige Schritte weiter verdecken Bäume und Büsche wieder den Blick. Man wähnt sich in einem ganz nor­ma­len Wald. Besonders im alten Teil des Friedhofs ist die Aura eines „hei­li­gen“  Waldes auf Schritt und Tritt zu spüren.

Viele Denk­mä­ler sind derart von Moos und Efeu be­wachsen, dass sie sich kaum vom Hintergrund des Waldes abheben. Andere sehen so aus, als seien sie erst gestern in Stein gemeißelt worden.

Pietà auf einem großen Sockelquader

Der Waldfriedhof ist mit seinen wertvollen Stein­metz­arbeiten auch ein Ort der Kunst und Kul­tur­ge­schichte. So kann man ihn auch als den größten Skulpturenpark Deutschlands betrachten. Klei­ne und große Gräber, mo­nu­mentale Ru­he­stät­ten, unscheinbare und kunstvoll ge­schmie­dete Kreuze, christliche und weltliche Skulp­turen, konservative und moderne Formen – man findet hier alles.

Von 1963 bis 1966 erweiterte der Gartenarchitekt Ludwig Roemer  den Friedhof um den neuen Teil mit 24.000 Gräbern. 1955 wurde auf dem Münchner Waldfriedhof das erste islamische Grabfeld Deutsch­lands geschaffen. Heute besitzt der Wald­fried­hof insgesamt 59.000 Grabplätze.

Ein Spaziergang in alten Teil des Friedhofs gleicht einem Naturerlebnis mit Kunsteinlagen. Die Pfade sind geschwungen und kurvig, man kann sich leicht verlaufen. Ich wandere ziemlich ziellos in diesem Wald, nur dem Gefühl nach in Richtung Südwesten, wo sich der neue Teil des Friedhofs befindet mit seiner offenen Landschaft und einem kleinen See. Dabei entdecke ich kleine idyllische Ecken, in­te­ressante Skulpturen und verliere mich beim Be­trach­ten mancher Gräber in die merkwürdigsten Gedanken. Es ist – das hat sicher auch mit dem sanf­ten Nachmittagslicht zu tun – überhaupt nichts Düsteres dabei.

Die Aussegnungshalle (im neuen Teil)

Der neue Teil des Waldfriedhofs beherbergt unter anderem den italienischen Militärfriedhof, den neuen jü­di­schen Friedhof, einen Gedenkstein der Opfer der Roten Armee und ein Mahnmal für die Opfer der na­tio­nal­so­zia­lis­tischen Eu­tha­na­sie­verbrechen.

Von der neuen Aussegnungshalle der Architekten Eduard Delisle und Erich Wirth hat man einen herrlichen Ausblick über einen kleinen See und das angeschlossene Biotop.

See und Biotop

Ganz in der Nähe des Sees finde ich eine Stelle mit winzigen bunten Gräbern, auf denen Windspiele rotieren, Spielzeugautos parken, Lego-Bausteine Akzente setzen. Mein erster Gedanke: „entzückend, fantasievoll, niedlich!“. Der positive Eindruck weicht aber in Sekundenschnelle einem Gefühl des Entsetzens und der Trauer. Mir schießen Tränen in die Augen. Denn es handelt sich um eine Grab­an­la­ge für Kinder und Föten.

Mit dieser Anlage im Waldfriedhof steht den Müt­tern, Vätern und Angehörigen ein würdevoller Ort zur Ver­fügung, an dem sie der Trauer um ihr ver­storbenes Kind Raum geben können. Den An­ge­hö­rigen werden große Kiesel zur Verfügung gestellt, die bemalt oder mit dem Namen des Kin­des ver­se­hen und am Bestattungsplatz abgelegt wer­den können. So erhält jedes Kind ein in­di­vi­duel­les Grabzeichen.

Den Spaziergang durch den Waldfriedhof könnte man freilich auch als Spaziergang durch die Ge­schich­te Münchens und seiner Bewohner ge­stal­ten. Man kann auf die Suche nach den Gräbern von Münchner Pro­minenten gehen. Der Schriftsteller Michael Ende  ruht hier, der No­bel­preis­träger Paul Ritter, der Schrift­steller Frank Wedekind, Zir­kus­per­sön­lichkeiten der Familie Krone  und viele mehr.

Ein Ort der Selbstdarstellung


BUCHTIPPS:
Die Münchner Friedhöfe: Wegweiser zu Orten der Erinnerung
Münchens Friedhöfe sind wun­der­bare Orte für stimmungsvolle Spa­zier­gänge. Dieser Band stellt die schönsten Rundgänge vor – vom Alten Südfriedhof mit seinen Grab­skulp­turen, dem zauberhaften Friedhof in Bogenhausen mit vielen prominenten Grabstätten über Nord- und Ostfriedhof bis zum Waldfriedhof.