MÜNCHNER  SPAZIERGÄNGE

STAND: JANUAR 2022


WESTEND


14. JULI 2020

Schwanthalerhöhe (nach dem Schöpfer der Ba­varia, Ludwig Schwanthaler, benannt) ist der of­fi­ziel­le Name des ehemaligen Arbeiter- und Hand­wer­kerbezirks. Aber so nennt das Westend kaum jemand.

Mein Spaziergang beginnt an der U-Bahn-Station Schwantalerhöhe  in der Heimeranstraße  (U4/ U5). Von hier gehe ich nach Süden, den Hans-Dürmeier-Weg entlang. Nach knappen 60 m sticht ein mar­kan­tes Ein­zel­ge­bäude ins Auge, der Wohnturm Park Plaza. Er ist Teil des neuen Stadtquartiers, das entstand, als die (alte) Messe München  im Jahr 1998 in die (neue) Messestadt Riem  umzog. Es ent­standen auf dem Areal 1.400 Wohnungen, zahl­rei­che Bürokomplexe und das Verkehrszentrum des Deutschen Museums.

Der genannte Wohnturm des Münchner Büros Otto Steidle & Partner  ist das Wahrzeichen des neuen Stadt­viertels. Mit seinen 44 Metern Höhe nimmt das Hochhaus die Stelle des einstigen Messeturms ein. Die kräftige Farbgebung – war­mes Oran­ge – ist ein Markenzeichen des Münchner Architekturbüros.

Wohnturm Park Plaza

Von dort sind es nur wenige Minuten zum Ver­kehrszentrum. Ein Besuch dieses Ablegers des Deutschen Museums ist zu empfehlen. Auf 12.000 Quadratmetern werden zahlreiche Kraftfahrzeuge, Lokomotiven, Personenwagen, Fahrräder und Stra­ßenbahnen gezeigt. Leider sind Tickets zurzeit (wg. Corona) nur online und mit festem Be­suchs­da­tum erhältlich.

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Für weitere Details (z.B. Baudenkmäler, Fahr­rad­wege, Schulsprengel etc.) siehe auch den Bayern-Atlas: Stadtbezirk 8: (Schwanthalerhöhe)

Mit 4,50 Metern Höhe ist die skurrile Skulptur Sweet Brown Snail auf dem Platz vor dem Ver­kehrs­zentrum nicht zu übersehen. Die Schnecke, die dem Kunstwerk als Vorlage diente, war eine kleine Schnecke aus Ton, die mit einem anderen Kunst­pro­jekt der beiden Künstler Jason Rhoades und Paul McCarthy in Zu­sam­men­hang steht.

Schneckenskulptur „Sweet Brown Snail

Die Skulptur nimmt bewusst Bezug auf das be­nach­barte Verkehrsmuseum mit den assoziierten The­men der Langsamkeit und der Mobilität: Die Schne­cke steht in ironischem Gegensatz zum Traum von Geschwindigkeit, verkörpert aber gleichzeitig mit ihrem tragbaren Schneckenhaus die ewige Sehn­sucht nach unbegrenzter Mobilität.

Am Bavariapark  entlang gehe ich zurück bis zur Ganghoferstraße, an der ich zu einem weiteren interessanten Kunstobjekt gerate. Versteckt im kleinen Innenhof der Wirt­schafts­prü­fungs­ge­sell­schaft KPMG steht eine Dop­pel­spi­rale aus Stahl, die Endlose Treppe des dänischen Künstlers Ólafur Elíasson. Den meisten Touristen (aber auch Münch­nern) dürfte dieses Kunstwerk verborgen bleiben. Man verirrt sich schließlich nicht „zufällig“ in die Gang­ho­fer­straße 29.

Endlostreppe

Die Treppe vermittelt einen endlosen Kreislauf von auf und ab und ist vermutlich die einzige Treppe auf der Welt, auf welcher man beim Auf- und Absteigen nicht die Richtung wechseln muss. Einzig das (tem­po­rä­re?) Betreten-Verboten-Schild hält mich davon ab, mich hinaufzuschlängeln.

Die Entstehung der Schwanthalerhöhe ist eng mit der, etwa um 1840 hier einsetzenden In­dus­tria­li­sierung verknüpft, in deren Folge gründerzeitliche Arbeiterquartiere entstanden. So war das Westend, das einmal Sendlinger Höhe hieß, ursprünglich ein Arbeiterviertel. Mit den Arbeitern kamen die Häuser aus der Grün­derzeit. Noch heute stehen viele der alten Gebäude. Fast die Hälfte davon soll aus der Zeit vor 1919 stammen.

In der Kazmairstraße

Während die Südseite der Heimeranstraße  aus­schließlich von moderner Architektur geprägt ist, beginnt auf der anderen Straßenseite das „alte“ München. Über die Ganghoferstraße  komme ich zur Kazmairstraße, eine Straße, die sich nach wie vor sehen lassen kann. Wunderschöne denk­mal­ge­schütz­te Fassaden mit Erkern und reichem Putz­de­kor, barockisierende Mietshäuser sowie Ju­gend­stil­bau­ten aus dem Ende des 19. Jahr­hun­derts mit Erkern, Loggien, reichem Putzgliederung und plastischem Dekor sind ein Augenschmaus für Nostalgiker. Von den extremen Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg blieb das Viertel weitgehend verschont.


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Die Bergmannstraße entlang bewege ich mich nach Norden ins Herz dieses Viertels. Anfang der 1970er-Jahre begannen im Westend umfangreiche Sa­nie­rungen – mit der entsprechenden Gen­tri­fi­zie­rung. Heute sind zahlreiche Wohn­an­la­gen bestens re­noviert, aber trotzdem hat das Viertel seinen Char­me behalten. Immer noch finden sich hier kleine Läden, Kneipen und eine Multikulti-Ge­mein­schaft, die ihre Miete noch bezahlen kann. Diesem ver­blie­benen, quasi „bohemehaften“ Charakter ist es auch zu verdanken, dass sich hier eine reiche Street-Art-Kultur etabliert hat.

In der Bergmannstraße

Der Gollierplatz mit seiner geschlossenen Be­bau­ung an der Nordseite, der aufgelockerten Bebauung im Sü­den und mit den sich östlich anschließenden Wohnblocks ist als Beispiel für ein um die Jahr­hun­dert­wen­de planmäßig angelegtes Stadt­teil­zen­trum ein Ensemble von städtebaulicher Bedeutung.

Bergmann- Ecke Gollierstraße

Der Vier-Nymphen-Brunnen am Gollierplatz („Nym­phen­brunnen“) wurde 1938 von Elmar Dietz (1902-1996) geschaffen und besteht aus einer Schale aus der das Wasser in das darunter liegende Becken fließt aus einer aus vier Nymphen be­ste­hen­de Fi­gu­rengruppe.

Nymphenbrunnen am Gollierplatz

Das Westend hat den zweithöchsten Aus­län­der­an­teil aller Münchner Stadtteile. Rund 46,1 Prozent der Be­völ­ke­neurrung hat Mi­gra­tions­hin­ter­grund. Mehr als 60 Prozent der hier wohnenden Menschen leben alleine. Im Schnitt wohnen hier etwas we­ni­ger Fa­mi­lien mit Kindern als in anderen Ge­gen­den der Stadt.

Hinterhofidylle

Wie bereits erwähnt, hat sich in München in den letzten Jahren eine beachtliche Street-Art-Szene etabliert, auch Urban Art  genannt. Ich spreche ungern von Graffiti, weil ich mit diesem Wort auch die un­zähligen illegal besprühten Wände assoziiere, die selten über das Niveau von Schmierereien rei­chen. Inzwischen wurde in München ein legaler Rahmen für Kunst an Wänden geschaffen. Je­den­falls haben die Größen der Street-Art-Szene wie BLU, ESCIF, Shepard Fairey und Mark Jenkins München für sich entdeckt.

Ericailcane (1980) ist das Pseudonym eines ita­lienischen Künstlers dessen künstlerische Arbeit vor allem Graffiti, Streetart, Illustrationen und Zeich­nungen umfasst. Er gehört zu der neuen Ge­ne­ra­tion europäischer Straßenkünstler, die die Gestaltung des öffentlichen Raums revolutioniert haben. Seine Werken formulieren meistens Konsum- und Ka­pi­talismuskritik.

Gentrification von Ericailcane

In diesem Werk symbolisiert der Specht den rück­sichts­losen Investor, der in das (Baum-)Haus ein großes Loch geschlagen hat und die Larven der Ameisen frisst. Diese formieren sich schließlich zum Widerstand und ver­bünden sich mit den Glüh­würm­chen, um gemeinsam zu kämpfen. Die Moral von der Geschichte: Nur ge­mein­sam kann man sich gegen rücksichtslose Investoren verteidigen.


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Nach gut 8 Monaten Planung, Vorbereitung und Kommunikation konnte der Verein Positive-Pro­paganda e.V. zusammen mit amerikanischen Künstlern 2014 die erste großformatige Arbeit in Mitteleuropa mit mehr als 500qm Fläche an der Fassade eines Sozialbaus in der Bergmannstraße realisieren.

Weil aber eine Sanierung des Gebäudes lange überfällig gewesen war und das zehntausende Euro teuere Kunstwerk ziemlich düster aussah, stand dieses länger in der Kritik. Eines Tages machten dann Unbekannte dem zweifelhaften Kunstwerk ein Ende. Vermutlich nutzten sie mit Farbe gefüllte Feuerlöscher, um es zu übersprühen. So wurde im Auftrag der Stadt die Häuserfront erneut bemalt, diesmal aber mit heiteren Comic-Figuren.

Wandmalerei in der Bergmannstraße

Mehr als die Hälfte des Baubestandes im 8. Stadt­bezirk (Westend) stammt aus der Zeit vor 1945 und ist heute weitgehend saniert. Alle Baustile dieser Zeit – insbesondere die historisierenden – sind hier vertreten. Östlich der Bergmannstraße findet man sehr oft jenen der Neorenaissance, westlich be­herr­schen barockisierende Baustile das Stra­ßen­bild. Die Westendstraße und die Schwan­thalerstraße sind zwei Hauptadern dieses Vier­tels. Schöne alte, unter Denkmalschutz stehende Häu­ser aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts wechseln sich ab mit mehr oder weniger unauffälligen – bis hässlichen – Neu­bauten.

Westendstraße, deutsche Renaissance

Das Westend ist heute ein Stadtteil, in dem Kinder und Familien wieder gerne leben. Es gibt Plätze, an denen sich Menschen treffen können, Ruhezonen in begrünten Hinterhöfen, Orte für Alte und Junge. Es ist ein Vier­tel, in dem man zum Bäcker, zum Metzger und in die Läden für den alltäglichen Bedarf auch heute noch zu Fuß gehen kann.

Jugendzentrum

In Hinterhöfen und Durchgängen gibt es zahlreiche kleine Paradiese. Beispielsweise ist zwischen der Schrenk- und der Westendstraße im Zuge der Sa­nie­rung eine Gemeinschaftsgrünfläche mit un­ter­schied­li­chen Nut­zungs­bereichen – inklusive Kin­der­spiel­platz – entstanden.

Spielplatz/ St.Benedikt-Kirche

Das Westend war schon immer ein buntes Viertel – Hier wohnten viele Gastarbeiter der ersten Ge­ne­ra­tion. Das Bunte hat sich auch auf viele Häu­ser­fas­saden übertragen.

In der Schwanthalerstrasse


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