MÜNCHNER  SPAZIERGÄNGE

STAND: APRIL 2022


DIE OST-WEST-FRIEDENSKIRCHE


11. JUNI 2020

Mitten im Olympiapark, am Rande des großen Kiesplatzes, wo alljährlich das Tollwood-Festival stattfindet, gibt es eine kleine, im Sommer kaum sichtbare grüne Oase der Ruhe und Be­schau­lich­keit. In einem um­zäun­ten, etwa 2500 Qua­drat­meter großen Areal findet man einen lie­be­voll ge­stalteten Garten mit Blumenwiesen, Gewächshäusern, Obstbäumen und Ro­sen­sträu­chern, dazu zwei kleine Häuser, eine Kapelle und eine Kirche sowie zwei Verschläge, in denen Bienenstöcke stehen.

Ein Schild vor dem Eingang informiert die Besucher, dass es sich um die „Ost-West Friedenskirche“ han­delt.

Die Ost-West-Friedenskirche

Hier lebte mehr als fünfzig Jahre lang Timofei Wassiljewitsch Prochorow, von den Münchnern liebevoll Väterchen Timofei genannt.

Geboren wurde er laut seinen Angaben am 22. Januar 1894 in Bagajewskaja am Don. Verstorben ist er am 13. Juli 2004 in München, also im Alter von 110 Jahren. Nach Jahren der Odyssee kam er von Russland nach Wien, wo er seine spätere Frau Natascha traf. Den Bau einer Kirche in Wien ließen die dortigen Behörden nicht zu, sodass die beiden 1952 nach München kamen. Hier ließen sie sich am Oberwiesenfeld nieder, am Rande des damaligen Flugfelds, aus dem später der Olympiapark werden sollte.

Das Häuschen – heute ein Museum

Aus dem reichlich vorhandenen Kriegsschutt des Zweiten Weltkrieges baute das Paar nach und nach ein kleines Haus, eine Kapelle und später noch eine kleine Kirche. Ohne Hilfe von Architekten und Bau­meistern transportierten sie mühevoll das Bau­ma­terial, bestehend aus Schutt, Brettern und Blech mit Rucksack und Schubkarre vom da­ma­li­gen Münch­ner Schuttberg bis hier her. Bei der Ein­rich­tung ver­wendeten sie größ­tenteils ge­fun­dene Ma­te­ria­lien. Die Decke der Kirche bei­spiels­weise ver­sil­berten sie mit Scho­ko­la­den­papier.

Die Ost-West-Friedenskirche

Timofei Prokorow , der seltsame Heilige, Gründer und Vorsteher dieser, wie er es genannt hat, „Christ­lichen Gemeinde der Erbauer des kirchlichen Gutes der Heiligen Dreifaltigkeit Ost-West“ wurde von den Münchnern sehr geliebt. Sie füllten seine Opfers­töcke reichlich mit Scheinen und Silber. Ne­ben der Sozialhilfe lebten Timofej und Natascha hauptsächlich vom Anbau aus ihrem eigenen Gar­ten. Manchmal konnten sie auch Honig, Obst und Gemüse verkaufen, was ihnen ein be­schei­de­nes Leben ermöglichte.

Als Ende der sechziger Jahre die Stätten für die Olympischen Spiele 1972 gebaut werden sollten, wurde aus­gerechnet das Oberwiesenfeld aus­er­ko­ren, die olympischen Sportstätten zu be­her­ber­gen. Dort, wo Na­ta­scha und Timofej lebten, soll­ten Springreiter ihr Wesen treiben. Doch die Münchner zogen nicht mit. Es hagelte Proteste, und nach einem Besuch bei Timofej machte sich Olym­pia-Architekt Günter Behnisch über seine Pläne her. Der teure staatliche Boden mit seinen Schwarzbauten, die Timofei von niemandem er­worben und doch mit einem Stachelzaun als Klos­tergrund umgrenzt hatte, wagte ihm nun niemand mehr, zu ent­rei­ßen, denn Gott und die Münchner waren sichtbar auf seiner Seite.

Wir haben gelernt, dass Väterchen Timofej zu den drei Heiligtümern der Münchner gehört, neben den Alleebäumen und den Dackeln“, sagte damals Gerhard Spiegel, Sprecher der Olympia-Baugesellschaft. So konnte diese kleine russische En­klave erhalten bleiben. So etwas konnte nur in München geschehen!

Väterchen Timofei

Im Olympiajahr 1972 heiratete Timofej die 76 Jahre junge Natascha. Fünf Jahre später starb sie. Ihr Wunsch, neben der Kirche begraben zu werden, scheiterte an der Bürokratie. Wo sie liegen wollte, steht heute ein symbolisches Grab.


BUCHTIPP:
Väterchen Timofej: Ein Russe erobert die Herzen der Münchner
Mit diesem Buch lädt der Autor, Alexander Wutz, die Leser zu einem kleinen illustrierten Rundgang durch die unvergessliche Welt von Väterchen Timofej ein. Auf 84 bunten Seiten wur­den historisches Bildmaterial, ak­tuelle Fotografien, Au­gen­zeu­gen­be­rich­te, Gästebucheinträge, Zeitungsberichte, biografische Auszüge und vieles mehr gesammelt und in einem einmaligen Bildband veröffentlicht.

Die Decken der Ost-West-Friedenskirche sind mit Scho­koladenpapier ausgekleidet, der In­nen­raum ist mit Teppichen ausgelegt, die Decke mit Scho­ko­la­denpapier ausgekleidet. Es gibt kaum ein Stück Wand, das kein Christus-, Marien- oder Hei­ligen-Bild verziert.

Das Innere der Kirche

Und die Kirche steht auch heute noch, umgeben von diesem wunderbaren Garten, einem kleinen Museum und der Erzengel-Michaels-Kapelle. Seit dem Tod des Eremiten im Jahr 2004 kümmert sich eine gemeinnützige Stiftung um ihren Erhalt. Das Gelände wurde zu einem kleinen Museum um­funk­tioniert.

Entzückend ist insbesondere der Garten.

An den Bäumen baumeln Schnuller, Ostereier und Muschelwindspiele. Zwischen verschiedenen Ma­rien­figuren versteckt sich sogar eine Buddha­sta­tue. Und – in dieser Jahreszeit besonders bunt – Blu­men, Blumen, Blumen.

In den zum Museum umfunktionierten niederen Räumen des Wohnhauses wird liebevoll die Ge­schichte des Eremiten anhand vieler Schriften er­zählt und durch interessante Bilddokumente er­gänzt.

In einem Raum findet man Zeichnungen von Ti­mofejs Garten, die Kinder gemalt haben. Papier und Stifte stehen noch auf dem Tisch. Im Nebenraum steht ein Harmonium. Die Wände werden von Fotos und Zeitungsartikeln, die Timo­fejs Geschichte er­zählen, geschmückt.

Verschiedene Ikonen

Wer im Olympiapark unterwegs ist, sollte einen Abstecher machen und sich Väterchen Timofejs Ost-West-Friedenskirche einmal ansehen. Der Eintritt ist frei und das Museum ist schnell und einfach vom Olympiapark aus zu erreichen. Vom Marienplatz fährt man mit der U-Bahn U3 in Richtung Moosach bis Scheidplatz. Von hier geht es mit dem Bus144 Richtung Rotkreuzplatz weiter bis Olympiaberg

Esoteriker würden die Stelle einen „Kraftort“ nen­nen. In der Tat ist es ein Plätzchen, wo man, auf ei­ner kleinen Bank sitzend, für beliebige Zeit den Stress der Großstadt vergessen kann und auf eine gewisse Weise „me­di­tieren“ kann: über die ferne Welt des bäuerlichen Russlands, über die Schönheit der Natur oder über die Gedankenwelt des „Me­thu­sa­lems vom Oberwiesenfeld“, des Eremiten mit dem langen, schlohweißen Haar.

Das Bankerl vor der Kapelle


BUCHTIPP:
Glücksorte in München: Fahr hin und werd glücklich
Das Buch „Glücksorte in München“ ist eine Einladung zum Besuch von kultu­rellen, poli­tischen, künst­le­ri­schen und sport­lichen Orten, die uns das gute Gefühl geben, richtig zu sein. In dieser Stadt sitzt das Glück wirk­lich an jeder Ecke. Manchmal muss man nur den Stuhl ein biss­chen verrücken, das Herz öffnen und sich auf seine Sinne verlassen.

BUCHTIPP:
München mit anderen Augen sehen
Das Buch „München mit anderen Augen sehen: 23 Spaziergänge zu besonderen Orten“ sammelt 23 ganz besondere Touren, erzählt von Orten, die eine ganz besondere Bedeutung haben, vom früheren Hasen­jagd­revier der Kurfürsten zu einer Gedenktafel für einen Wi­der­stands­kämpfer, zu einem Pilgerweg, der an Schloss Schleiß­heim vor­beigeht, zur über 800 Jahre alte Heilig-Kreuz-Kirche und vielem mehr.