MÜNCHNER  SPAZIERGÄNGE

STAND: APRIL 2022


ALLACHER LOHE NATURSCHUTZGEBIET


19. April 2020:  In Zeiten des Corona-Virus sehne ich mich mehr als sonst nach einem Aufenthalt in einem kühlen Wald! Kurze Recherche bei Google Maps und die „Allacher Lohe“ wird zu meiner Wahl. Nach nicht wenigen Spaziergängen in den stadtnahen Münchner Fors­ten, en subtilen Charme von Fichtenplantagen ausstrahlen, ist die Perspektive, einen wenn auch kleinen, aber noch urwaldartigen, naturnahen Wald zu erleben, eine Verlockung.

Die etwa 150 Hektar große Allacher Lohe ist einer der letzten Restbestände des einst für den Münch­ner Nor­den und Westen charakteristischen Lohwaldgürtels. Der Begriff „Lohwald“ beschreibt einen lichten Waldtyp, der auch offene Flächen umfassen kann, wie beispielsweise die für den Münchner Norden typischen Hei­de­flächen. Was mich etwas skeptisch macht, ist, dass das Na­tur­schutzgebiet von der Dachauer straße im Osten, der Autobahn A99 im Norden und dem Rangierbahnhof im Süden fast völlig eingekreist ist und somit de facto vom Umland abgeschnitten ist, also eine kleine, vermutlich bedrohte ökologische Insel ist.

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In der Tat: Im Bundesverkehrswegeplan 2030 ist vorgesehen, südlich der bestehenden Tunnelanlage der A99 einen neuen Tunnel auf knapp eineinhalb Kilometern Länge zu graben. Dieser Tunnel läge dann unmittelbar unter der Allacher Lohe, was zweifelsohne zum Fällen zahlreicher alter Bäume führen würde. Der alternative Plan, den zweiten Tunnel unter der bestehenden Röhre zu bauen, würde wesentlich mehr kosten. Der Verkehr auf den Au­to­bahn­tras­sen sei – so die „Ver­kehrs­planer“ – schon so dicht, dass sich viele Autofahrer lieber über den Mittleren Ring quälen als auf der A99 im Stau zu stehen. Eine beängstigende Perspektive.

Bringen bedrohte Käferarten Hoffnung? Na­tur­schützer haben in der Allacher Lohe nicht nur Juchtenkäfer, den Stachelkäfer und den Länglichen Fadensaftkäfer entdeckt, sondern auch weitere seltene und vom Aussterben bedrohte Käferarten wie den größten europäischen Käfer, den in einigen Gebieten Bayerns als ausgestorben geltenden Hirschkäfer (der mit dem markanten „Geweih“ der Männchen).



Benutzen Sie nicht Ihr Navi, um hinzukommen. Mich führte es zu gesperrten Straßen, von denen es noch 10-15 Minuten zu Fuß bedarf, um ans Ziel zu kommen. Am besten entlang die Dachauer Straße direkt zum See fahren. Und im Umfeld parken.

Stille im Wald

Auch in Corona-Zeiten (zudem ist heute Sonntag) sind sogenannte Münchner „Naherholungsgebiete“ gut besucht. Entlang des schmalen Pfades, der rund um den See führt, kann man Kleinfamilien und sportlichen Paaren kaum ausweichen. So bleibt mir nichts anderes übrig, als auf dem Forstweg südlich des Sees direkt zum Wald durchzumarschieren. Interessanterweise geht es auch streckenweise bergauf. Während des Baus des Rangierbahnhofs wurde offensichtlich viel Erdreich bewegt und aufgeschüttet. So ist eine ab­wechs­lungs­reiche Landschaft im ansonsten flachen Münchner Norden ent­standen.

Gelbes Windröschen (Anemone ranuncoloides)

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus“, das war einmal so, vor langer, langer Zeit. Die Kli­ma­er­wärmung hat auch diese dichterische Ver­an­schau­lichung ins Wanken gebracht. Bereits in den frühen April­tagen rollt eine grüne Welle übers Land, und innerhalb nur weniger Wochen verwandeln sich kahle Parks und Mischwälder in Bilder eines hellgrün leuchtenden Impressionismus.

Vom Hauptweg zweigen zahlreiche kleine Pfade in den Wald ab, die ein dichtes Netz bilden für (heute hof­fent­lich wenige) Besucher. Von dem Augenblick an, in dem ich den Wald betreten habe, wird Sta­unen zum mich beherrschenden Gefühl, denn wo­hin ich auch schaue, sehe ich einen ur­wüch­sigen, „richtigen“ Wald, so wie es die Natur eigentlich für Deutschland vorgesehen hatte, denn dieses Land wäre, hätte der Mensch nicht ein­ge­griffen, fast vollständig von Laubmischwäldern bedeckt. Bayern wäre sogar ein Buchenland.

Die Vielfalt der Vegetation ist frappierend: Ver­ein­zelte große Stieleichen, Hainbuchen in großer Zahl, Linden, Eschen und Spitzahorne, alle in hellem, frühlingshaftem Laubgrün gekleidet. Unter ihnen üppiger Bewachs mit Sträuchern, Stauden, und Kräutern. Stellenweise besteht der Unterwuchs aus farbenfrohen Gelben Windröschen, Busch-Wind­röschen und Märzveilchen. Da und dort ver­mo­dert ein zerrissener Baumstamm, quer über ei­ni­gen Pfaden liegen umgestürzte Bäume, die den Ein­druck von Ursprünglichkeit verstärken.

Es fühlt sich an, wie „zu Hause“ an­ge­kom­men zu sein. Vollkommene Entspannung: Ob Blüm­chen be­obach­ten, in die Sonnen­strahlen blinzeln, die durch das Zweiggewölbe her­vor­gucken, oder die dunklen Silhouetten mäch­tiger Baumstämme als Sche­ren­schnitte betrachten, ich nehme mir die Zeit und öffne mich der wohl­tu­enden At­mos­phäre die­ses Waldes. Das Rascheln der Blätter im Nach­mit­tags­lüft­chen, das sporadische Tock-tock-tock eines Spechtes, eine Vogelstimme hie und da – so etwas nenne ich eine fast absolute Stille! Das Wörtchen „fast“ nur deshalb, weil aus der Ferne die Geräusche des Autobahnverkehrs immer noch zu hören sind. Ich versuche mir vorzustellen, es handele sich um das Rauschen eines lieblichen Baches.

Die Pracht und die Vielfalt dieses Waldes mit all seinem Reichtum und seiner Majestät bemächtigt sich meines Gemutes. Einfach Zeit im Wald ver­brin­gen und nichts tun, in eine Art Meditation ohne Lotussitz versinken, bewusst atmend, kleinste De­tails wahrnehmend!

Nur – bitte! – keine uralte Eiche umarmen. Der Wald soll zu keinem mo­di­schen Ereignis für Yuppies wer­den, die Peter Wohl­lebens Bestseller „Das ge­heime Leben der Bäume“ gelesen haben. Ein paar Moun­tain­biker hasten vorbei. Den Wald ohne Lang­sam­keit erleben? Das ist mir unverständlich!

Heute sind weniger als fünf Prozent des Stadt­ge­biets Wald. Der Rest wurde über die Jahr­hun­der­te hin­weg gerodet, um Acker- und Siedlungsland zu ge­win­nen, und zum Teil sogar für die Bau- und Brennholznutzung geopfert. Die wenigen im Stadt­gebiet verbliebenen Wälder sind weitgehend ge­sichert. So sind etwa Angerlohe und Allacher Lohe als europäisches Schutzgebiet aus­ge­wiesen, letz­tere ist sogar Naturschutzgebiet.

Gewöhnliche Traubenkirsche (Prunus padus)

Aus den Waldbereichen und den angren­zenden Heideflächen ist ein wertvolles Wald-Heide-Mosaik her­vor­ge­gangen. Wegen seines Artenreichtums, des besonderen Struk­tur­reich­tums und seiner land­schaftsprägen­den Eigen­schaft ist das Gebiet zum Na­tur­schutz­gebiet erklärt worden.

Heidelandschaft

Der Landschaftssee Allacher Lohe, auch Hundesee genannt, ist ein künstlich angelegtes Stillgewässer. Der etwa 5,5 Hektar große Baggersee liegt im Stadt­bezirk Ludwigsfeld auf einer Höhe von 499 m ü. NN. Im See herrscht Badeverbot, um eine un­ge­störte Entwicklung der Uferbereiche sowie der für Am­phi­bien wichtigen Flachwasserbereiche und für bo­den­brütende wasserliebende Vogelarten zu gewährleisten.

Der See Allacher Lohe

ENTSTEHUNG: Für den Bau des angrenzenden Rangierbahnhofes und der Gleiskörper wurden in den 1990er Jahren große Mengen von Kies be­nö­tigt. Diese konnten vor Ort im Tagebau aus den anstehenden nach­eis­zeit­lichen Vor­kommen des Da­chau­er Mooses gewonnen werden. Der See wurde in der hier­durch entstan­denen Kiesgrube als Be­triebs- und Löschwassersee für den Ran­gier­bahn­hof angelegt. Gespeist wird der See aus Nieder­schlä­gen, anstehendem Grund­wasser und vom kleinen Hartmannshofer Bach.


BUCHTIPPS:
Das geheime Leben der Bäume: Was sie fühlen, wie sie kommunizieren
Mit „Das geheime Leben der Bäume“ hatte Peter Wohlleben  2015 seinen größten Erfolg. Das Buch stand 2015 und 2016 an der Spitze der Best­sel­ler­listen, auch im Jahr danach gehör­te es noch zu den beliebtesten Sach­bü­chern. Der Autor erzählt darin bei­spiels­wei­se von Bäumen, die über ihr Wurzel­sys­tem Nähr­stoffe aus­tau­schen oder Duftstoffe aussenden, um sich vor Schädlingen zu warnen.

Wir sind Geschöpfe des Waldes: Warum wir untrennbar mit den Bäumen verbunden sind
Wolf-Dieter Storl ist ein deutsch­ame­rikanischer Kulturanthropologe, Ethnobotaniker und Buchautor. Storls Publikationen beschäftigen sich vor allem mit Ethnobotanik, Eth­no­me­di­zin, traditioneller Phy­to­therapie und Kulturökologie. Der Best­sel­ler­au­tor möchte uns in diesem Buch den Wald wieder näherbringen. Er gibt uns einen Einblick in die Tiefen des Waldes mit seiner Geschichte, seinen Mythen, Bildern und Symbolen.

Was blüht denn da? (Kosmos-Naturführer)
Seit 1935 ist „Was blüht denn da?  “ das populärste Pflan­zen­be­stim­mungsbuch. Die Grundidee ist so einfach: Blühende Pflanzen fallen vor allem durch ihre Farbe auf. Was liegt also näher, als Blumen nach der Farbe ihrer Blüten zu bestimmen? Jetzt präsentiert sich „Was blüht denn da?  “ im neuen, frischen Gewand und wartet mit komplett aktualisiertem Inhalt und vielen Detailabbildungen auf.