MÜNCHNER  SPAZIERGÄNGE

STAND: APRIL 2022


CANDIDPLATZ UND UNTERGIESING


3. MAI 2020

Meine Runde startet in Obergiesing in der Nähe des Grünwalder Stadions auf dem mit Kas­ta­nien­bäumen bewachsenen Grünspitz.   Ein wun­der­ba­res Kleinod mitten in einem verkehrsumtosten Be­reich.

Hier scheint die Gentrifizierung, die Giesing anderswo bereits fest im Griff hat, noch nicht angekommen zu sein. Der Grünspitz, ein von Kastanien überschattetes Grundstück, das früher einem Autohändler gehörte, ist heute ein vom Verein Green City geführtes Gemeinschaftsprojekt. Hier gibt es einen Kiosk, einen kleinen Biergarten und dazwischen jede Menge Platz, den die Giesinger frei nutzen dürfen.

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Kastaniengarten (Giesing)

Vom kleinen Kastaniengarten  aus wandern meine Blicke auf die gegenüberliegende Seite der Straße, wo ein gigantisches Street-Art-Gemälde ein Ge­bäu­de der Stadtwerke München ziert.

Graffito von Won ABC

Es heißt, München sei ein Vorreiter der Graffiti-Szene in Deutschland gewesen. Nur schade, dann, dass man zum großen Teil nur „Werke“ sieht, die aus gekritzelten Texten, ge­spray­ten Groß­buch­sta­ben und Mons­ter­ge­sich­tern bestehen, denn solche verunstalten seit Langem zahllose Fuß­gän­ger­un­ter­füh­rungen, Bauzäune, Schall­schutz­wände & Co. Was völlig zu fehlen scheint, sind hin­ge­gen inspirie­rende Großgemälde an Häu­serfassaden!



Dieses wohl größte Mural Mün­chens hat mich des­halb völlig überrascht! Urheber ist der be­kann­te Künst­ler WON ABC (Markus Müller), der Ende 2019 anlässlich des hundertsten Ge­burts­tags des Frei­staats Bayern das Kunstwerk angefertigt hat. Es ent­hält Motive der Räterepublik von 1918. Dar­gestellt sind deren Anführer. Die nötigen Förder­gel­der wur­den von der Stadt Mün­chen und der Stadt­spar­kasse bereitgestellt.

Auf der Nordseite des Gebäudes malte WON ABC  ein weiteres Mural, das sich ebenso über die ganze Haus­wand er­streckt.

Löwen-Graffito von Won ABC

Auf dem Bild treten zwei Gestalten gegeneinander an: „Bluebier“, eine ske­let­tierte Version des TSV-1860-Löwen, gegen Robin „Bluebeard“ Page, mit seinem cha­rak­te­ris­tischen blauen Bart und Box­hand­schuhen. Das Wand­gemälde wurde Mül­lers ver­stor­be­nem Lehrer Robin Page  gewidmet.

Die Serpentinen der Candidstraße führen den Hang hinunter zum Can­did­platz. Benannt wurden beide nach dem flämischen Maler Peter Candid (ei­gent­lich Pieter de Witte), der im 16. Jahr­hundert in München und Umgebung viele Al­tar­bil­der malte.

Der Candidplatz in Untergiesing ist wahrlich kein Schmuckstück. Be­son­ders das Areal unter den Brü­cken­pfei­lern des Mittleren Rings ist Teil der Ver­schan­de­lungen, die der Autoverkehr in unserer Stadt verursacht hat.

Die hässliche Schneise des Mittleren Rings

Um den Aufprall dieser Häss­lich­keit zu dämpfen, wurden vor einigen Jahren mit Un­ter­stüt­zung des Bau­re­ferates die Säulen der Brücke am Candid­platz von inter­natio­nal an­er­kann­ten Künstlern gestaltet. Es entstand die sogenannte „Brückengalerie“.

Die „Verschönerung

Herakut“ ist ein deutsches Künstlerduo (Jasmin Siddiqui  und Falk Lehmann) aus der Street-Art-Szene. Das Duo Herakut  thematisiert den Umgang mit Flüchtlingen.

Wenn wir den Suchenden die Zuflucht verwehren, was für Menschen sind wir dann?

Unweit der Brückengallerie befindet sich – direkt am Auer Mühlbach – der Jugendtreff AKKU, eine städtische Einrichtung des Kreisjugendrings. Oben lärmen die Autos auf dem Mittleren Ring, unter der Brücke spielen einige Jugendliche auf der Außenfläche des AKKU. Die Brückensäulen ge­gen­über des blauen Hauses wurden unter der An­leit­ung des Graffiti-Künstlers Julian Mom­boisse  kunst­voll gestaltet.

Jugendtreff

Ein paar Schritte weiter befindet sich ein weiterer Street-Art-Hotspot. Großflächige Graffiti zieren die Mauern der Lohstraße entlang des Auer Mühlbachs.

Anana-Burger“ von HNRX, 2016

Mein weiterer Spaziergang verläuft im Wesentlichen innerhalb jenes Teils von Untergiesing, der südlich der Bahntrasse liegt. Wer hier starten will, erreicht problemlos den Candidplatz mit der U-Bahn U2.

Aus der Sicht des schnell vorbeifahrenden Au­to­fahrers ist die nach dem 1784 vom Hof­ban­kier Franz Anton Pilgram  erbauten Schlöss­chen Pil­grams­heim  benannte Pil­gers­heimer Straße kein be­sonderer Blickfang. Schlichte und dicht an­ei­nan­der gereihte Mietshäuser prägen bis heute das Bild der Straße.


BUCHTIPPS:
Reiseführer „Herzstücke in München“: besonderes abseits der bekannten Wege
Weit weg von Touristenströmen zeigt Ihnen dieser Reiseführer, wo sie das wahre München kennenlernen können - egal, ob als Einheimischer oder Tourist. Bei Ausflügen in der Natur, in Kulturstätten und Veranstaltungen, im neuen kleinen Lieblingsladen oder bei einem köstlichen Stück Kuchen im gemütlichen Café.

Als Fußgänger unterwegs zeigt sich mir hingegen ein anderes, interessanteres Bild. Neben einer Rei­he von schönen Mietshäusern aus der Jahr­hun­dert­wen­de fallen die extrem­langen Wohn­blöcke an der rechten Straßenseite auf. Eine der Fassaden ist 275 Me­ter „am Stück“ lang!

Es handelt sich um eine der größten Wohnanlagen Münchens, die sich zwischen der Pilgersheimer Straße  und dem Auer Mühlbach  erstreckt. Wo zwi­schen 1808 und 1930 Europas größte Le­der­fa­brik stand, erstreckt sich entlang der Pilgersheimer Straße eine 200 Meter lange ocker-orange Häu­ser­zeile, hinter der sich weitere Häu­ser­zeilen ver­stecken.

Siedlung an der Waldeckstraße

Die Großwohnanlage auf der Seite des Auer Mühlbachs

Zwischen der Pilgersheimer Straße, der Kleist- und der Can­na­bichstraße fällt die 1927 von Helmuth Wolff  entworfene olivgrüne Groß­wohn­an­lage im Stil der Neuen Sachlichkeit besonders auf. Der südliche Abschluss des westlichen Wohnblocks bildet der kurze Gebäudeflügel entlang der Can­na­bichstraße, von wo aus sich früher die Le­der­fa­brik nach Süden erstreckte.

Pilgersheimer Straße/ Ecke Kleiststraß

An der Nordwestseite zwischen Pilgersheimer Straße und Kleiststraße befindet sich an einer Gartenmauer ein Wandbrunnen mit Relief zum Gedenken an die Erbauung der Wohnanlage.

Wandbrunnen mit Relief

Untergiesing  hat an manchen Ecken noch immer den Charakter einer ehemaligen Arbeiter­vorstadt, fast dörf­lich, kleinteilig und gemütlich. Im Schatten der Haupt­verkehrs­straßen haben sich dort auch noch ver­ein­zelt Wohnquartiere mit Klein­wohn­häu­sern erhalten. Beispielsweise rund um die Mond­straße, eine idyllische Ecke, die nicht umsonst den Namen „Münchens Klein-Venedig“ trägt. Die ganze Mond­straße  steht unter En­sem­bleschutz.

Mondstraße

Die Bezeichnung beruht vor allem auf dem frei­ge­legten Auer Mühlbach und den – mittlerweile sehr beliebten und unerschwinglichen – Her­bergs­häus­chen am Mühlbach selbst.

Mondstraße

Die Heilig-Kreuz-Kirche gesehen von der Mondstraße

Links von der Pilgersheimer Straße verliert sich die­ser Charakter von Arbeitervorstadt früherer Zei­ten. Der Wiederaufbau nach den Kriegs­zer­stö­run­gen hat zu einem Nebeneinander von historischen Bauten und Nachkriegsarchitektur geführt, welches kaum Flair erzeugt.

Wohnhausanlage (Hans-Mielich-Straße)

Gleich gegenüber einer uninteressanten 08/15-Wohnanlage be­fin­det sich der imposante zwei­tür­mige Neu­ba­rock­bau der Sankt-Fran­zis­kus-Kir­che (1925/26 von Richard Steidle). Was für ein Kontrast!

Sankt-Franziskus-Kirche

Zwei Straßen weiter, in der Arminiusstraße, kann man die barockisierende, denkmalgeschützte Wohn­haus­anlage (1927/28 von Steidle und Sepp) bewundern. Diese dauernde Abwechslung zwi­schen Vor- und Nach­kriegs­ar­chitektur bringt mich zum Grübeln. Wie schön muss München vor dem Zweiten Weltkrieg gewesen sein. Welchen Charme muss Untergiesing damals ausgestrahlt haben!

Wohnhausanlage in der Arminiusstraße

Etwas aus jenen Jahren ist doch geblieben. Ich kann mich noch gut daran erinnern – ich fuhr früher öfters mit der Bahn die Südring-Strecke –, wie ich im Vorbeifahren vom Abteilfenster aus dank des hohen Bahndamms die schönen Fassaden der Giesinger Häuser betrachten konnte. Ein schöner Stadtteil, dachte ich. Das ist allerdings passé: Seit die Deutsche Bahn 2014 eine 1,1 km lange Lärm­schutz­wand hochgezogen hat, können Bahn­pas­sa­gie­re nicht mehr in die Suppenteller der Gie­sin­ger Anwohner gucken. Dafür werden Letztere weniger vom Lärm der vorbeifahrenden Züge geplagt.

Bahndamm-Teutoburger-Strasse

Entlang der Gleise der Bahnlinie München-Ro­sen­heim zog sich zunächst eine 1,1 Kilometer lange, 3 Meter hohe, graue Mauer durchs Viertel. Das durfte ziemlich trostlos gewesen sein. Man wollte die Wände mit Efeu bewachsen lassen, auf jeden Fall irgendwie begrünen, eine Graffiti-Szene lehnte man aber ab. Bis es schließ­lich die Bür­ger­ini­tia­tive – Weiterleben in Untergiesing – schaff­te, bei den Bahn-Verantwortlichen eine Ge­neh­mi­gung für eine Bemalung zu bekommen.

Graffiti

Bereits vor dem Bau der Lärmschutzwand hatte es „verschönernde“ Änderungen am Hans-Mielich-Platz gegeben: den Kinderspielplatz, eine Freiluft-Schachanlage, Verkehrsberuhigung. Die Bür­ger­ini­tiative hat gan­ze Arbeit geleistet.

Die Lärmschutzwand mit ihren Graffiti und die dicht bewachsene Böschung des Bahndamms haben den Bereich noch mehr zu etwas Besonderem gemacht. Mir drängt sich der Eindruck auf, als wurde ich mich in einem intimen, beschützten Raum befinden, in dem Langsamkeit vorherrscht. Der große ver­kehrs­be­ruhigte Platz, die Häuserzeile mit dem grie­chi­schen Restaurant, ein paar besetzte Tische im Freien: Sie strahlen fast den Flair einer südlichen Piazza aus.

Am Hans-Mielich-Platz

Der kleine aber gemütliche Biergarten des Gast­hau­ses Giesinger Garten kommt mir gerade recht, um die Eindrücke meines Spaziergangs bei einem Hel­len und einer bayerischen Brotzeit aus­klingen zu lassen.

Der Giesinger Garten

Auf dem Weg zurück zum Candidplatz komme ich an der denkmalgeschützten, 1905-07 erbauten Grundschule am Agilolfinger Platz vorbei. Das Schulhaus ist eine der großen Münchner Grund­schu­len der Jahr­hun­dert­wende. Mit seinem stei­len Satteldach, Giebeln und säulen­ver­zierten Ein­gän­gen erscheint es wie ein Schloss – für Kinder ist es ihr „Schulschloss“. Das Haus gibt es seit mehr 110 Jahren, und es kann auf eine reiche Geschichte zurückblicken.


BUCHTIPP:

 
Das Buch München mit anderen Augen sehen  sammelt 23 ganz besondere Touren, erzählt von Orten, die eine ganz besondere Bedeutung haben, vom früheren Hasenjagdrevier der Kurfürsten zu einer Gedenktafel für einen Widerstandskämpfer, zu einem Pilgerweg, der an Schloss Schleißheim vorbeigeht, zur über 800 Jahre alte Heilig-Kreuz-Kirche und vielem mehr
 
 


BUCHTIPP:

Wenn man sein Glück in Mün­chen sucht, muss man nicht lan­ge herumlaufen. Es ist zu fin­den in verwunsche­:nen Innen­hö­fen, urigen Kneipen und gemütlichen Kinos. Das Buch Glücksorte in München ist eine Einladung zum Besuch von kulturellen, politischen, künstlerischen und sportlichen Orten, die uns das gute Gefühl geben, richtig zu sein. In dieser Stadt sitzt das Glück wirklich an jeder Ecke. Manchmal muss man nur den Stuhl ein bisschen verrücken, das Herz öffnen und sich auf seine Sinne verlassen.