MÜNCHNER  SPAZIERGÄNGE

STAND: JULI 2022


ZUR FLUGWERFT SCHLEISSHEIM


27 AUGUST 2021:

Ein weiterer Schritt zur Entdeckung des Münchner Nordens. Ein Spaziergang, der innerhalb von Minuten von den tristen Großsiedlungen des Hasenbergls im wahrsten Sinn des Wortes „aufs Land“ führt, nämlich in die von einzigartig vielen Grünflächen und Naturräumen ge­prägte weite Heidelandschaft südlich von Ober­schleiß­heim.

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Mein Spaziergang beginnt bei der römisch-ka­tho­lischen Mariä-Sieben-Schmerzen-Kirche im Viertel Ha­sen­bergl. Geparkt habe ich in der Fortnerstraße, was tagsüber während der Wo­che nicht allzu schwer ist. Wer ohne Auto kommt, kann mit der U2 zur U-Bahn-Station Dül­ferstraße  fahren. Von dort sind es dann etwa 1,3 Kilometer entlang der Schleißheimer Stra­ße bis zur Kirche. Um das zu vermeiden, kann man über die Panzerwiese gehen. So ist man gleich in der Natur.

Mariae Sieben Schmerzen Kirche

Sieben-Schmerzen-Kirchen  werden diejenigen Ma­rien­kir­chen genannt, die dem Gedenken der sieben Schmerzen der Mutter Jesu gewidmet sind.


Von der Kirche sind es nur ein paar Hundert Meter zur Abzweigung ins Hartelholz. Mich führt es diesmal aber geradeaus nach Norden zur Brücke über die A99. Diese ist zugleich die nörd­lich Grenze Münchens an dieser Stelle. Jenseits der Brücke befindet man sich bereits auf dem Gebiet der Gemeinde Oberschleißheim.

Nahtlos geht der breite Waldweg weiter in Richtung Norden. Nur, dass sich der Wald hier Korbinianiholz nennt, ebenfalls zum größten Teil naturgeschützt (Naturwaldreservat Fa­sanerie). Dieser Wald, zusammen mit den übrigen Wäldern um Oberschleißheim (Bergl­holz, Schweizerholz und Hartelholz) gehören mit den Isar­auwäldern  zu den größten zusammenhängenden Waldgebieten im Münchner Nordens.


BUCHTIPP:
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Keine 80 Meter geradeaus nach der Autobahnbrücke steht am linken Wegrand eine ver­witterte alte Holzbank. Sie lädt zwar nicht zum Ausruhen ein, das wäre sicher zu früh, da­für lenkt sie das Augenmerk auf einen kleinen Pfad, der – man würde ihn leicht über­se­hen – in den dichten Wald führt.

Schlagartig ist es schattig und dunkel geworden. Die Dichte dieses Wäldchen löst sofort Begeisterung bei mir aus. Ebenso intensiv wirkt die Stille auf mein Gemüt. Denn während man im Hartelholz kaum eine Stelle findet, zu der nicht zumindest ein abgeschwächter Verkehrslärm der Autobahn dringt, verliert sich dieser hier nach wenigen Hundert Metern vollständig.

Im Korbinianiholz

Riesige Stieleichen, Hainbuchen, Sommerlinden und vereinzelte Kiefern – Letztere wohl erst von den Amerikanern nach dem Zweiten Weltkrieg angepflanzt – bilden zusammen mit ei­ner Strauchschicht aus Weißdorn, Heckenkirsche, Liguster, Hartriegel und Berberitzen ein na­tür­liches Ganzes, das auch wegen der Undurchdringlichkeit der Vegetation abseits des Pfa­des die Faszination eines Urwaldes hervorbringt. Kaum zu glauben, dass nur wenige hun­dert Meter weiter südlich „Stadt“ in seiner unansehnlichsten, betonlastigen Form statt­findet!

Mächtige Eiche

Das Naturwaldreservat Fasanerie ist ein Teil des Korbinianiholzes  und wird durch den Forstbetrieb Freising der Bayerischen Staatsforsten betreut. Die 24 Hektar große Fläche ist Teil des Fauna-Flora-Habitats „Hei­de­flä­chen und Lohwälder nördlich von München“ und wurde 1978 als eines der ersten Na­tur­wald­re­servate in Bayern ausgewiesen.

Dschungelartiger Charakter

Der Weg im Korbinianiholz ist leider ziemlich kurz (etwa 800 m). Die Vegetationszonen die­ser Naturlandschaft gehen rasch einander über. Der dichte Wald wird zunehmend lichter und wechselt schließlich zu offenem Land.

Der Wald wird lichter

Typisch für die Naturlandschaft des Münchner Nordens sind die Heideflächen, Kalk­ma­ger­rasen, Weideflächen und lichte Waldbestände mit Eichen und Hainbuchen. Die Fau­na und Flora dieser Wälder weisen zahlreiche gemeinsame Arten mit den angrenzenden Ma­ger­rasen auf.

Die Landschaft öffnet sich

An diesem fast frühherbstlichen Tag verwandelt ein sanftes, klares Nachmittagslicht die Gegend in eine Traum­land­schaft. „Brachland“ – ich liebe dieses Wort. Wörtlich genommen steht es für „ungenützt“; für mich ist es ein Symbol von Freiheit, Erlebnis und Erholung.

Am Nordrand des Korbinianiholzes

Ich muss es wiederholen. Dieser abrupte, überraschende Übergang von Stadt zu Land ist ein wahres Erlebnis.

Mein weiterer Weg geht die Jägerstraße entlang, einer asphaltierten Straße, die zum Schleiß­heimer Flugplatz dührt. Die Straße wird wegen des geringen Verkehrs besonders gerne von Inline-Skatern genutzt. Rechts von der Straße sieht man das Areal des Flugplatzes, links den Pflan­zen­reichtum der natur­ge­schützten Magerwiesen am nördlichen Rand des Korbinianiholzes.

Riesen Goldrute

Ich komme ins Staunen. Auf den ungemähten Wiesen blüht überall eine große Vielfalt an Wild­pflanzen. Nur um einige zu nennen: die Wiesenflockenblume, der Natterkopf, die Kö­nigs­kerze, die Riesen-Goldrute und die Schafgarbe, die Letzteren besonders von Wild­bie­nen und Hummeln geschätzt.

Rainfarn (Tanacetum vulgare)

Dieses Gebiet gehört zu den attraktivsten Naherholungsgebieten des Münchner Nordens. Wegen des hohen Maßes an Naturnähe eignet sich das Gebiet ganz besonders für die na­tur­bezogene Naherholung. Wenn man die Schleißheimer Schlösser und Gärten sowie die Flug­werft dazu betrachtet, bietet der Raum ebenso kulturhistorische Sehenswürdigkeiten ersten Ranges.

Land-Reitgras

Der Flugplatz Oberschleißheim (im allgemeinen Sprachgebrauch „Flugplatz Schleißheim“) ist mein heutiges Ziel. Es handelt sich um den ältesten sich noch in Betrieb befindenden Flugplatz Deutschlands. Er wurde 1912 gegründet. Anfangs war hier die königlich ba­ye­rische Fliegertruppe stationiert, im 2. Weltkrieg dann auch die Luftwaffe.

Das Flughafengelände

Aus dieser Zeit stammen auch noch die Junkershallen, die zurzeit von sechs Vereinen, der Flugwerft Schleiß­heim sowie von mehreren Privatpersonen als Hangar für Ihre Flugzeuge genutzt werden.

Heutzutage dient der Flugplatz fast ausschließlich als Freizeitgelände verschiedenen Zwecken, z. B. dem Luftsport, der Erholung und auch als Hausflugplatz der Flugwerft des Deutschen Museums. Auch die Polizeihubschrauberstaffeln der Bundespolizei sowie der bayerischen Polizei nutzen ihn.

Eine der Junkershallen


Mein erstes Ziel ist der gemütliche Flugplatz-Biergarten „Flieger Treff“. der direkt neben dem Flugplatz liegt. Er zählt freilich nicht zu den größten Biergärten in und um München, aber es ist ein schönes, idyllisches Plätzchen, um dort ein paar Stunden zu verbringen.

Eine einzige große Eiche sorgt für Schatten. Wo dieser nicht hinreicht, ist man auf Son­nen­schirme an­ge­wiesen. Aber an diesem Spätsommernachmittag genieße ich bei Cap­puc­ci­no und selbst gebackenem Ku­chen die laue, fast herbstliche Sonne. Das Originelle an diesem kleinen Gaststättengarten ist der direkte Sicht­kontakt zum Flug­hafen. Man kann haut­nah die Starts und Landungen der kleinen Maschinen mitverfolgen.

Der Biergarten Fliegertreff  ist vor allem unter Ausflüglern der näheren Umgebung sehr be­liebt, sie schätzen dort vor allem das familiäre und ungezwungene Klima. Den meisten Münch­nern ist diese kleine Idylle schier unbekannt. Rund um den Flugplatz finden Rad­fahrer, Rollerblader und Spaziergänger ideale Wege, um ihrem Sport nachzugehen.



Der IKARUS LUFTSPORTCLUB SCHLEISSHEIM bietet Mitfluggelegenheiten an und stellen auch ent­sprechende Gutscheine aus. Alle Rundflüge werden zum Selbstkostenpreis geboten, denn als ge­mein­nüt­zi­ger Verein darf der Club keinen Gewinn verbuchen. Daher ist es wahrscheinlich wesentlich güns­ti­ger einen Rundflug über den Club zu buchen als etwa über eine Eventagentur.


An diesem eher kühlen Wochentag sind nur wenige Tische besetzt. Eine melancholische Spät­som­mer­stim­mung macht sich mit zunehmender Uhrzeit breit. Die Luft ist klar, der Himmel ist ein typisch bayerischer blau-weißer Him­mel, wie er auf den Wer­be­pros­pekten für Touristen zu sehen ist.

Um 18 Uhr sitzen nur noch wenige Gäste an den Tischen. Ihnen, wie auch mir, fällt es of­fen­sichtlich schwer, diese Aussicht, dieses Licht und diese Ruhe zu verlassen. Der Biergarten im sanften Nachmittagslicht ist zauberhaft. Heute ist es auch auf dem Flugfeld ruhig. Seitdem ich hier bin, sind nur ein paar Flugzeuge gestartet oder gelandet.


Wegen der späten Stunde schaffe ich es nicht mehr, die Flugwerft Schleißheim (Öffnungszeiten: täglich von 09:00 bis 17:00) zu besichtigen, eine Außenstelle des Deut­schen Museums, die verschiedene Exponate aus dem Themengebiet Luft- und Raum­fahrt zeigt. Vom Biergarten aus ist es etwas mehr als ein Kilometer. Es wird empfohlen, das Ticket rechtzeitig online zu bestellen. In der Folge einige Fotos eines späteren Besuchs.

Muller-Doppeldecker

MBB 223 Flamingo

D-EMKB_Hirth_Acrostar


Für den Rückweg entscheide ich mich für die asphaltierte Straße. Inzwischen ist der Wald­pfad wahrscheinlich zu düster und die offene Landschaft am Rande des Kor­bi­nia­ni­hol­zes ist in ein wunderbares goldenes Licht getaucht.

Entlang der Jägerstraße

Kaum Autoverkehr. Ab und zu überholt mich eine Rad fahrende Familie oder fährt mir ein Inline-Skater schwingend entgegen. Auch hier fällt es mir schwer weiterzugehen. Einige Male setze ich mich auf einen Baumstamm und genieße die Stille und die wunderbare Wald-und-Wiesen-Landschaft.

Gehölz-Magerrasen-Komplex am Nordrand des Korbinianiholzes

Die Straße führt an den Gebäuden der Fliegerstaffel der Bundespolizei vorbei. Danach muss ich nur auf die Hinweisschilder achten, um nicht versehentlich die Jägerstraße wei­ter­zu­gehen. Die nächste Autobahnbrücke ist mehr als ein Kilometer entfernt. Kurz vor der gro­ßen Linkskurve muss ich also rechts in eine schmalere Schotterstraße abbiegen.

Hinweisschilder

Nach etwa 250 Meter – inzwischen ist der Autobahnlärm wieder sehr stark zu hören – geht es nach links in Richtung Autobahnbrücke und Hasenbergl.

In umgekehrte Richtung das gleiche Erlebnis wie auf dem Hinweg: vom Wald über die A99 in kürzester Zeit wieder zur dichten Besiedlung von Münchens Norden. Der Kontrast könnte nicht größer sein!


UPDATE 26. MÄRZ 2022: Als ich den lauen Vor­früh­lings­tag nützen will, um den klei­nen Bier­gar­ten aufzu­suchen, erwar­tet mich eine böse Über­ra­schung: Die kleine Gast­wirt­schaft ist nicht mehr da! Ab­ge­ris­sen! Nur ein paar Tische und Stüh­le für „Selbst­ver­sorger“ sind noch übrig!

Ein rascher Blick auf die Webseite des Flie­ger­treffs  klärt mich auf: „Liebe Gäs­te: Lei­der haben wir den Bier­gar­ten für im­mer ge­schlos­sen. Die Vorstän­de sind der Mei­nung, 'wir passen hier nicht her' und haben unter fa­den­schein­igen Grün­den den Ver­trag gekün­digt. Ziel ist eine 'geho­bene' Gas­tronomie“.

Offiziell soll ein Neubau des Holz-Gast­hauses mit glei­cher Kuba­tur (immer­hin!) gebaut werden. Auf der gesam­ten Länge der Vor­der­seite sei eine Holz­bo­den­ter­rasse als Außen­gas­tro­no­miebe­reich geplant. Ich fürchte al­ler­dings, dass die Urmünch­ner Gemüt­lich­keit des alten Bier­gartens auf der Strecke blei­ben wird.


BUCHTIPPS:
Geflogene Vergangenheit
Wie kaum ein anderer Flugplatz in Deutschland blickt Oberschleißheim, nördlich von München, auf eine lange bewegte Geschichte zurück. 1912 wurde dort die Königlich Bayerische Fliegertruppe gegründet, und von hier startete im Ersten Weltkrieg auch das Unternehmen „Pascha“, eine Expedition zur Unterstützung türkischer Truppen in Palästina.

Biergartenguide 2020: Münchens schönste Biergärten
Im Sommer gibt es kaum schönere Orte als Münchens Biergarten. Wir zeigen Ihnen die Großen und Bekannten ebenso wie die versteckten schönen Biergärten. Wo gibt es das beste Essen? Wo gehen die Münchner hin? Wo wird am meisten geflirtet?