MÜNCHNER  SPAZIERGÄNGE

STAND: APRIL 2022


AM HEIZKRAFTWERK MÜNCHEN NORD


7. DEZEMBER 2020:  Als ich – rechts von mir der Englische Garten und der Aumeis­ter – den Föh­rin­ger Ring in Richtung Osten fahre, sehe ich sie schon von der Weite, die rau­chen­den Schlote des Heiz­kraft­werks Mün­chen Nord. Grauer Rauch vor einem weiß-blauen Himmel, wie man ihn fast nur in den Werbeprospekten des Ba­yern­tou­rismus sieht. Eigentlich ein fast ästhetischer Anblick.

Heizkraftwerk München Nord

Mein Interesse wird durch diese quasi wet­ter­be­dingte „Industrie-Ästhetik“ geweckt und es zieht mich un­wi­derstehlich zum Kraftwerk hin, auch wenn ich diesen keinesfalls so ansprechend finde wie viele historische In­dus­trie­bau­ten. Objektiv gesehen handelt es sich um einen hässlichen Klotz.

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Unmittelbar in der Nähe des Kraftwerks ist eine kleine Siedlung, nur eine Reihe von adretten Ein­fa­mi­lien­häu­sern, die sich an eine Straße, die Ring­straße, schmiegen. Meidet man den Blick auf das Kraftwerk – was nicht leicht fällt –, könnte man einen Eindruck von Vor­stadt­idylle gewinnen: kleine schmiedeneserne Zäune, Vor­gärten, Sicht­schutz­hecken, Büsche, vereinzelt Bäume.

Ganz so idyllisch ist es freilich nicht, schließlich ge­langen durch die Schlote jährlich etwa 1,7 Mil­lio­nen Tonnen Kohlendioxid in die Luft, was mehr ist als das, was vom gesamten Verkehr des Mittleren Rings verursacht wird. Einen großen Teil der Belastung, etwa durch Staub­emission, be­kom­men Ober- und Unterföhring, Ismaning, Aschheim und die nörd­li­chen Stadtbezirke von München ab.

Wenn ich es genau betrachte, hat diese Siedlung etwas Paradoxes. Sie ist umzingelt von lärm- oder schmutz­er­zeu­gen­den Quellen. Im Norden eine von Güterzügen befahrene Ei­senbahnstrecke, im Wes­ten die dicht­be­fah­rene Münchner Straße, im Süden der Föhringer Ring, über den sich täglich fast 47 000 Autos und Lastwagen welzen. „Last but not least“ das Kraftwerk. Eine Wohngegend?


BUCHTIPP:
Die Geschichte der Stadtwerke München
Die Autoren untersuchen die Rolle der Münchner Stadtwerke im Dritten Reich und darüber hinaus die große Transf­ormation von der defizi­tären Kommu­nal­behörde zum erfolgreichen In­fra­struk­tur­dienst­leis­tungs­konzern. Die Stadtwerke München schlu­gen dabei einen eigenen Weg ein, der nicht nur die Unab­hängigkeit von den großen Energie­konzernen sicherte, sondern sie auch um zum größten Kom­mu­nal­ver­sor­ger Deutschlands werden ließ.

Und doch: Als ich die Ringstraße auf- und abgehe, ver­flüchtigen sich diese Gedankem über die „Be­wohn­bar­keit“. Die rauchenden Schornsteine ver­wan­deln sich wie von Zauberhand in Be­stand­tei­le eines ar­chi­tek­to­nischen En­sembles und den zu erwartende Lärm, ich kann ihn kaum wahrnehmen.

Zwischen dem bebauten Areal und der Schnell­stra­ße sorgen eine kleine Fläche mit einem Spiel­platz sowie ein Lärmschutzdamm mit Bäumen für Ab­stand und Lärm­dämpfung.

Der Föhringer Ring

Wie würde es hier aussehen, sollte eines Tages das Kraftwerk sillgelegt werden? Im De­zem­ber 2015 hatte ein Bünd­nis aus 40 Organisationen und Par­teien ein Bür­ger­begehren zur Abschaltung des Koh­le­kraft­werks ge­star­tet. Am 5. November 2017 fand der Bürgerentscheid „Raus aus der Steinkohle“ statt. 60,4 % – wenn auch bei geringer Beteili­gung – stimmten dafür, den Kraft­werks­block zum 31. De­zember 2022 stillzulegen.

Man muss allerdings wissen, dass das Kraftwerk aus drei Blöcken besteht, die in Kraft-Wärme-Kopplung (Er­zeu­gung von Elektrizität und  Fern­wärme) be­trie­ben wer­den. Block 2 wird mit Steinkohle be­feu­ert, in den Blöcken 1 und 3 wird Rest­müll verbrannt. Wenn man also von Stillegung spricht, ist nur Block 2 gemeint.



Außerdem planen die Stadtwerke ersatzweise ein Gas­kraft­werk mit 30-jäh­riger Laufzeit zu bauen. Das Monster würde also keinesfalls ver­schwin­den. Da­ge­gen regt sich kräf­tiger Widerstand seitens der Ge­meinde, den Grü­nen und weiteren Or­ga­ni­sa­tio­nen, aus deren Sicht das Kraftwerk we­der für die Strom- noch für die Fern­wär­me versorgung er­for­der­lich ist. Der Un­ter­föh­ringer Bür­ger­meister will zur Not klagen.


AKTUALISIERUNG MÄRZ 2022: Wegen des Krie­ges in der Ukra­i­ne zieht die Stadt die Not­brem­se: Es ist kei­ne Rede mehr von ei­ner Um­stel­lung des Kraft­werks auf Erd­gas. Es soll vor­ü­ber­ge­hend bei Kohle blei­ben, es wer­den aber auf dem Welt­markt (Aus­tra­lien, Kana­da) Al­ter­na­ti­ven zur rus­si­schen Kohle ge­sucht.


Querschnitt der Wärmeverbundleitung

In der Nähe des Kraftwerks steht ein Modell mit einem Querschnitt des Rohrsystem der Fernleitung (Details), durch welches die thermische Energie (heißes Wasser) transportiert wird. Die Fern­wär­me­pro­duk­tion liefert den gesamten Bereich des Münch­ner Nordwestens. Es wird vom HKW Nord aus die Heißwassernetze Nord und Freimann versorgt, auch über eine über 7 km lange Fernleitung Dampf in das Innen­stadt-Dampf­netz ab­ge­ge­ben.  


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