MÜNCHNER  SPAZIERGÄNGE

STAND: APRIL 2022


ALT-RAMERSDORF


8. MAI 2021

Jeder Autofahrer, der über die Auto­bahn A8 (Salz­burg-München) in München eintrifft, sieht den markanten Turm der Wallfahrtskirche St. Maria Ra­mers­dorf  bereits aus der Ferne, und wenn er an der Kreuzung Ro­sen­heimer Straße und Mittlerer Ring die Autobahn verlässt, befindet er sich in Ra­mers­dorf, einen der bei­den Stadtteile des Stadt­be­zirks 16 (Ra­mers­dorf-Perlach).

Die Wallfahrtskirche St. Maria Ramersdorf

In Ramersdorf gewesen zu sein heißt nicht, Ra­mers­dorf zu kennen! So dürften die al­ler­we­nigsten Münchner den In­nenraum des zu Be­ginn des 15. Jahrhunderts erbauten Got­tes­hauses gesehen haben. Das mag daran liegen, dass das Viertel in der öffentlichen Wahr­neh­mung zu schlecht ab­schnei­det. Vielleicht auch weil die Kirche Wegen der wertvollen historischen Ausstattung au­ßer­halb der Got­tes­diens­te stets verschlossen war. Nach der 2018 abgeschlossenen Re­no­vie­rung hat sich Pfarrer Harald Wechselberger jedenfalls für tägliche Öff­nungs­zeiten entschlossen.

Der barocke Hochaltar von 1662

Herausfindung des Kreuzes Christi 326

Für Wallfahrer möchte der Pfarrer aus seiner Kirche auch ein Wallfahrtszentrum schaffen. Es soll ein Pfarr- und Pil­ger­heim gebaut werden, wo Pilger schlafen, Exerzitien ausüben und sich theologische Vorträge anhören können. Und es soll auch ein Devotionalien-Laden her, in dem Gegenstände angeboten werden, die mit der Wallfahrtskirche in Zusammenhang stehen.

Christus-Statue vor dem linken Seitenaltar

Im Gegensatz zur Innenstadt oder beispielsweise Nymphenburg ist Ramersdorf in der Tat nicht reich an Se­hens­würdigkeiten, aber wenn man im Stadt­teil ist, kann man durchaus ein paar his­to­risch-architektonisch in­teressante Ecken finden. Freilich handelt es sich fast ausschließlich um Bauten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wie könnte es auch anders sein?: Noch 1918 hatte Ramersdorf nur 1.500 Einwohner und ein Drittel des Stadt­vier­tels bestand aus Wiesen und Feldern.

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Die Kirche und die Reste des Dorfkerns stehen heute im Schatten zweier großen Stra­ßen­ver­bin­dungen. Der Mittlere Ring  und die Rosenheimer Straße  haben aus den Wohn­ge­bie­ten „Inseln“ gemacht. Wo früher die Schafe grasten, rollt nun Tag für Tag eine Blech­la­wine vorbei.

Am Innsbrucker Ring


In Ruhe durch Ramersdorf zu schlendern ist nicht leicht, denn das Viertel ist zu zerstückelt und zerschnitten. Abseits des Orstkerns gibt es kaum „Sehenswürdigkeiten“. Fährt man stadteinwärts an der Rosenheimer Stra­ße entlang (der Stadtteil Ramersdorf endet an der Bahnunterführung) sieht man auf der linken Stra­ßen­sei­te den Baukomplex der Bayerischen Bereitschaftspolizei, auf der rechten die Wohnblöcke der zwischen 1928 und 1930 erbauten Großsiedlung  Neu-Ramersdorf.



Die nach Plänen der Architekten Oscar Delisle und Richard Berndl errichtete Siedlung weist stattliche Di­men­sio­nen auf. Die an der Straßenfront sicht­ba­ren Zeilenbauten sind an Nüchternheit kaum zu überbieten. Im Vergleich zur Borstei, die den Charakter einer „kultivierten Siedlung für den gehobenen Mittelstand“ hat und traditionelle Formen, Satteldächern und Wohntürmchen auf­weist, ist die Architektur der Siedlung eher zu­rück­haltenden mit Details und baulichem Schmuck, of­fensichtlich aus gewollter Zuneigung zur „Moderne“.


Auf meinem Spaziergang will ich heute einige dieser Ramersdorfer „Inseln“, entdecken.

Unmittelbar neben der Kir­che befindet sich das ka­tholische Pfarrhaus, ein zweigeschossiger Walm­dach­bau des Architekten Max Ostenrieder, mit Zwerchgiebel, Erker, Dachgauben und Ma­don­nen­mo­saik. In Anbetracht der Tatsache, dass es sich um das einzige sehenswerte Gebäude in der Ra­mers­dor­fer Straße  handelt, und dass diese nach 80 Meter in den Mittleren Ring mündet, beeindruckt es mich wenig.

Katholisches Pfarrhaus 1906 (Max Ostenrieder)

Wesentlich inspirierender ist hingegen das Gast­haus Alter Wirt  mit seinem kleinen Biergarten, das seit 1690 besteht, als der perlacher Hofwirt Franz Daegn von der Hofkammer die Genehmigung er­hielt, an dieser Stelle ein Bierzäpflerei zu er­rich­ten. Das Gebäude stand unter Denk­mal­schutz, bis das Bayerische Landesamt für Denk­mal­pflege entschied, es aufgrund häufiger Re­no­vie­run­gen vom Denk­mal­schutz zu befreien. Den­noch strahlt der Alte Wirt  nach wie vor eine gemütliche, urmünchnerische Atmosphäre aus. Nur die Nähe zur verkehrsreichen Ro­sen­hei­merstraße mindert diesen Genuss.

Der Alte Wirt

Auf der anderen Seite der Straße befindet sich das ZAR, ein Restaurant-Bar mit einem kleinen Bier­garten. Im Flachbau hängen grüne Lampions von der Decke, zwei Baumstämme ragen durchs Dach. Eine große Gi­raf­fenfigur als „Hüter“ des kleinen Biergartens und ein auf dem Dach sitzender Gorilla geben dem Res­tau­rant einen Touch von Exotik. Ein Lokal für Jugendliche, das ein bisschen wie eine Almstube wirkt.

Der Wächter des ZAR-Biergartens

Ziellos die Rosenheimer Straße entlang in Richtung Innenstadt gehend gerate ich an der Wilramstraße an eine herr­liche Mietshauswohnanlage. Was für ein Blickfang! Die Wohnanlage wurde 1925 bis 1927 von Eduard Thon erbaut und steht heute unter Denk­mal­schutz. Der Bayerische Denkmalatlas beschreibt den Wohnkomplex als „viergeschossigen Sat­tel­dachvbau, reich gegliedert mit Zwerch­giebeln, Dach­gau­ben und Risa­liten  (her­vor­sprin­gen­den Gebäud­eteilen), Eckausbildung zur Wilramstraße mit polygonalen Eckrisaliten, re­du­ziert his­torisierend“.

Ich wünschte, es gäbe weit mehr Bauten, bei denen auch nur einige solcher Architekturelemente auf­zu­finden wären. Stattdessen nur Gebäude, die man mit einem einzigen Wort beschreiben kann: Zweck­bau!

„Architektur“ versus Fantasielosigkeit


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Dann ändert sich zu meiner Überraschung das Stadtbild. Die kleine Grünanlage Wilramstraße  ist der Anfang. Ein kurzer Spaziergang durch diesen Park, dann komme ich in einem idyllischen Gar­ten­stadtviertel an, einem in sich geschlossenen En­semble mit zahlreichen Grünflächen. Der Stra­ßenverkehr scheint weit weg zu sein. Man könn­te sich in einem ruhigen Stadtrandviertel wäh­nen, wenn nicht sogar auf dem Land. Die Sichtachse der Herrenchiemseestraße lässt den Blick frei auf den Kirchenturm. Eine bürgerliche Dorfidylle?

Diese Mustersiedlung Ramersdorf  sollte kurz nach der Machtübernahme des NS-Regimes im Rahmen der „Deutschen Siedlungsausstellung“ 1934 als beispielhafte Verkörperung des na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Sied­lungs­ge­dankens präsentiert werden. In kürzester Zeit wurden unter der Leitung des Ar­chi­tekten Guido Har­bers 192 Ein­fa­mi­lien­häu­ser mit 34 unterschiedlichen Bautypen errichtet. Die Sied­lung wurde damals nach „den neu­esten Gesichts­punk­ten der Wohnkultur und der Ver­kehrs­po­litik“ gebaut – für den Mittelstand.

Die evangelische Gustav-Adolf-Kirche in der Mustersiedlung

Das ursprüngliche en­sem­ble ist weitestgehend er­halten geblieben und steht als Ganzes unter Denk­malschutz. Hausbesitzer der Mustersiedlung kön­nen nur unter Berücksichtigung der Ge­stal­tungs-Festlegungen Wohn­flä­chen erweitern oder die Häuser verändern. Dafür genießen sie eine Wohn- und Lebensqualität, wie sie im Münchner Stadt­gebiet (fast) nirgends mehr zu finden ist.

Auch heute noch überprüft das Landesamt für Denk­mal­schutz regelmäßig die bestehenden En­sembles auf ihre vorhandene Substanz und auf Veränderungen, die der Satzung oder dem Cha­rak­ter des en­sem­bles nicht entsprechen.

Bei der letzten Überprüfung in 2016 wurde der en­sem­bleschutz der Muster­sied­lung vom Ba­ye­ri­schen Lan­des­amt für Denkmalpflege betätigt und sogar in seiner Bedeutung hervorgehoben.


Mein Besuch in Ramersdorf wurde hauptsächlich von einer Reihe von Zeitungsartikeln inspiriert, die sich mit einem von Abriss und Neubau gefährdeten Wohngebiet befassten, der Wohnanlagen am Loehleplatz.

Rettet den Loehle-Platz

Bei dem En­sem­ble handelt es sich um eine ma­le­ri­sche Gruppe von Wohnbauten, die zwischen 1907 bis 1927, unterbrochen durch den Ersten Weltkrieg, für den Verein für Verbesserung der Woh­nungs­ver­hältn­isse in München (Heute: Ge­mein­nüt­ziger Wohnungsverein München 1899 e.V.) unter der Führung von Johann Mund und unter Beteiligung von Richard Fuchs, Hans Wagner, Liebergesell und Lehmann errichtet wurde.

Am Loehleplatz

Die Gebäude sind, besonders jene, die aus dem Anfang der Bautätigkeit noch vor dem Ersten Weltkrieg stam­men, selbst bei bescheidenen Ausmaßen reich gegliedert und dabei sowohl sym­me­trisch wie asym­me­trisch zu­sam­men­ge­ord­net. Damit wird die um einen Hof ge­schlos­sene Block­bebauung ebenso auf­ge­lo­ckert wie die Folgen von Reihenhäusern – ein Mus­ter­bei­spiel malerischen Städtebaus im gesamten wie im Einzelnen, ausge­richtet auf die Ramersdorfer Kirche als Blickziel.

Wollani-/ Ecke Koelblstraße

Die Wohnanlagen am Loehleplatz standen bereits unter Denk­mal­schutz, zum en­sem­ble zählten die Experten aber auch die Häuser östlich davon bis hin zur Führichstraße.

Wollanistraße

Das Entsetzen war groß im Viertel, als durch­si­cker­te, was für Abriss- und Neubaupläne der „Ge­mein­nüt­zige“ Wohnungsverein München 1899  für das Gebiet zwischen Loehleplatz  und Führichstraße  verwirklichen wollte. Der Verein plante den Neubau einer Wohnanlage auf seinen Grundstücken sowohl an der Führich- als auch an der Weiskopfstraße. Das hätte für die Bewohner den Verlust bezahlbarer Wohnungen bedeutet und für München der Verlust eines städtebaulichen Kleinods.

Was für eine Entdeckung! Der Loehleplatz und die Siedlung östlich davon überraschen mich mit ihrem an dieser Stelle kaum erwarteten dörflich-idyl­li­schen Charme: Die niedlichen Einfamilien-Rei­hen­häuser der Weiskopfstraße mit ihren lie­be­voll ge­pfleg­ten Vorgärten haben es mir besonders angetan.

Weiskopfstraße

Die Bewohner, Nachbarn und Unterstützer zeigten aber sofort große Entschlossenheit in ihrem Wi­der­stand gegen das Vorhaben. Sie schlossen sich innerhalb kurzer Zeit in der „Aktionsgemeinschaft Unser en­sem­ble“ zusammen.

Weiskopfstrasse

Als ich vor einem Haus in der Weiskopfstraße stehe und gerade die Kamera auf Augenhöhe bringe, spricht mich ein junger Mann an und bekundet, es sei sein Haus, das ich gerade fotografiere. Wir kommen ins Gespräch, und so erfahre ich, dass die sich Situation inzwischen entschärft hatte und dass die Bewohner einen Sieg errungen hatten.

Maria-Lehner-Straße

Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege hatte das en­sem­ble Wohnanlagen am Loehleplatz ge­prüft und festgestellt, dass auch die 1936-38 er­bau­ten Reihenhäuser für die Platz- und Stra­ßen­bilder der Wohnanlagen von mitprägender Wirkung seien. Die Behörde hatte daraufhin empfohlen, dass „das en­sem­ble dem­ent­spre­chend bis zur Führichstraße hin erweitert werden sollte“. Der Landesdenkmalrat schloss sich der Auf­fas­sung des Landesamtes an und befürwortete die Erweiterung.

So wurde dieses für München be­deut­same en­sem­ble als Beispiel für das Wohnen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts schließlich um etwa ein Drittel erweitert.


Es ist bereits später Nachmittag, als ich zu meinem Auto zurückkehre. Auf dem Weg dorthin passiere ich gedanklich das Erlebte Revue. Es sind sehr wi­der­sprüchliche Gefühle, die mir im Kopf he­rum­gehen. Die ganze Problematik dieses zer­ris­se­nen Stadtviertels lässt sich an jedem Schritt er­fah­ren. Kaum habe ich mich von der „Idylle“ ein wenig entfernt, schon überfällt mich der abstoßende Antlitz der städtbaulichen Moderne.

Funktional? Nein, hässlich!

Auf der anderen Seite der Straße steht das in den Jahren 1915–1918 nach Entwürfen des Münchner Stadt­bau­rats Robert Rehlen im Stil des Historismus errichtete, denkmalgeschütze Gebäude der Grund­schule an der Führichstraße.

Grundschule an der Führichstraße

Ich glaube, jeder weitere Kommentar erübrigt sich.


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