MÜNCHNER  SPAZIERGÄNGE

STAND: APRIL 2022


600 METER SCHELLINGSTRASSE


Die Schellingstraße erstreckt sich in der Maxvorstadt  über eine Länge von etwa 1,9 km von der Ludwigstraße  bis zur Lothstraße. Sie beginnt an der Ludwigstraße  gegenüber der ka­tho­lischen Pfarr- und Universitätskirche St. Ludwig. Die Straße hieß in den ersten Jahren ihres Bestehens (1808-1812) Jagdstraße und bis 1852 Lö­wen­straße, dem bayerischen Wap­pen­tier zu Ehren. König Maximilian II. nannte sie dann nach dem Na­tur­phi­lo­so­phen Fried­rich Wilhelm Schelling um.

Blick von der Schellingstraße auf St. Ludwig

Wo heute hauptsächlich Studenten zu sehen sind, fla­nierten oder wohnten einst berühmte Persönlichkeiten: Kandinsky, Ringelnatz, Kästner. Franz von Stuck etwa lebte hier, bevor er in seine Jugendstil-Villa in der Prinz­regentenstraße zog. Franz Marc besaß ein Atelier in der Schellingstraße Nr. 33, in Haus Nr. 3 wohnte der Schrift­steller Eduard von Keyserling, in Nr. 21 Hans Carossa, in Nr. 27 Frank Wedekind, in Nr. 62 Wassily Kandinsky.


Erreichbar ist die Schellingstraße mit den U-Bahnen U3 und U6. Wenn man die U-Bahn-Station über den Ausgang „Schellingstraße“ verlässt, steht man in der Ludwigstraße direkt vor dem Gebäude der ehemaligen Berg­werks- und Salinen-Administration, jetzt Teil der Ludwig-Ma­xi­mi­lians-Universität (LMU). Es ist ein drei­ge­schos­si­ger, langgestreckter Eckbau mit farbiger, Terrakotta ver­blen­deter Fassade, eine der schönsten Bau­ten des Ar­chi­tek­ten Friedrich von Gärtner.

LMU, einst Bergwerks-/ Salinen-Verwaltung

An der Wand dieses Ziegelbaus an der Ecke Lud­wigs­straße/Schellingstraße sieht man noch Ein­schuss­lö­cher aus dem Zweiten Weltkrieg, dazu eine Glas­plat­te mit der Aufschrift „Wun­den der Erinnerung“. Es han­delt sich um ein europäisches Kunstprojekt der Künst­ler Ale­xan­der von Weizsäcker und Beate Passow aus den Jahren 1993 bis 1995.

Wunden der Erinnerung

Das Gebäude auf der gegenüberliegenden Seite der Straße beherbergt heute das Phi­lo­logicum, die Fach­bi­blio­thek der Sprach- und Literaturwissenschaften der Ludwig-Ma­xi­mi­lians-Universität München (LMU).

Das 1833-1835 in der Ära Ludwigs I. von Friedrich von Gärtner erbaute Gebäude, dessen Hauptfassade an der Ludwigstraße liegt, wurde Zwischen 2015 und 2019 vollständig en­tkernt, und ein neuer Bibliothekskern wurde eingesetzt. Während die denkmalgeschützte Fas­sade zur Ludwigstraße hin erhalten blieb, wurde zum In­nen­hof hin „zwischen die his­to­ri­schen Eckrisalite eine neue, moderne Fassade mit Strangpressprofilen aus elo­xiertem Aluminium vor einer gebäudehohen Glasfront eingezogen“.

Philologicum (Innenhof)

Lediglich die Fassade zur Ludwigstraße blieb erhalten. Alles andere ist – „modern“! Da muss ich wohl den Begriff „Denkmalschutz“ falsch verstanden haben.


BUCHTIPP:
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In der Schellingstraße 3 liegt der Buchladen Wordsworth  (immer noch als Anglia Bookshop bekannt). Es ist eine der besten englischsprachigen Buch­handlungen Deutsch­lands und möglicherweise der unordentlichste Buch­la­den der Welt. Er ist dafür bekannt, dass er seine Bü­cher in hüfthohen Stapeln aufbewahrt. Trotzdem fin­det das Personal zielsicher, wonach man fragt.

Bücher und Geschenke


Der Atzinger, ein Überlebenskünstler! Das 1853 erbaute Haus an der Ecke Schelling- und Amalienstraße ist ein Mythos: 1925 zog die erste Gaststätte ein, Generationen von Stu­den­ten vertrödelten hier die Zeit zwischen den Vorlesungen. Hier wurde bei Bier und Zi­ga­ret­ten über die Weltrevolution philosophiert. Hier treffen sich auch heute noch Stu­den­ten und Künstler zum Stammtisch. 1975 stand der Atzinger  vor dem Aus. Das ganze Ge­bäu­de soll­te ab­ge­rissen werden. Doch irgendwie kam es nicht dazu. 2000 wurde das Lokal re­no­viert. Und im­mer noch können die Studenten mit günstigem Essen versorgt werden.

Gaststätte Atzinger


Ich liebe es, vor dem Schaufenster eines Antiquars zu stehen und beim betrachten der alten Bücher, Gra­phi­ken, Landkarten, Farbholzschnitten oder alten Zeitschriften meiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Man­che Schau­fenster sind selbst auch „Hingucker“, mehrflügelig, mit Sprossen versehen und manchmal mit zwi­schen­lie­gen­den Pfeilern geben sie ein denk­mal­ge­rech­tes har­mo­nisches Gesamtbild ab. Bei solchen Läden kann man immer Angst ha­ben, dass es sie beim nächsten Spa­zier­gang nicht mehr gibt.

Als ich an der Schellingstraße 17 vorbeikomme, sehe ich eine solche schöne Schau­fens­ter­an­lage. Auf dem Fir­men­schild steht in große Lettern HEINRICH HAUSER – BÜCHER – ANTI­QUA­RIAT – GRAPHIK. Wie oft habe ich am Antiquariat Heinrich Hauser  die aus­ge­stell­ten Bücher und Graphiken bewundert!

Bei genauerem Hinsehen stelle ich aber fest, dass sich zwar das Firmenschild noch an seinem Platz befindet, in dem laden sich aber eine moderne Bäckerei mit Café etabliert hat: sehr studentisch, mit einer Steckdose an jedem Tisch für die Laptops und mit Möbeln im Vin­tage-Look und einem Bücherregal als „ge­schicht­li­ches “ Erbe. Ende einer seit 1911 be­ste­hen­de Tra­di­tions­buch­hand­lung! Das Antiquariat Hauser wird nur noch als Ver­sand­an­ti­qua­riat weitergeführt.

Höflinger-Müller Café

Immerhin wurde die Fassade des Hauses nicht durch das übliche „Auflösen“ der Erd­ge­schoss­zone und die ent­spre­chende Verwandlung in eine übergroße verglaste Wand­öff­nung ver­schan­delt. Das wird wohl dem Denkmalschutz zu ver­dan­ken sein.


An der Schellingstraße 23 steht ein 1844 von Max Kup­pel­mayr gebaute und 1896 von Martin Dülfer um­ge­bau­te Mietshaus mit einer reich stuckierten Ju­gend­stil­fas­sade und neo­klas­si­zistischen Anklängen.

Schellingstraße 23

Im Erdgeschoss des Gebäudes ist ein Bekleidungsgeschäft untergebracht mit dem viel­sa­gen­den Namen „KAUF DICH GLÜCKLICH“. Es könnte das Motto der ganzen Schel­ling­straße sein!


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An der Schellingstraße 25 pflegte ich auch jedes Mal stehenzubleiben und mir die Auslage des Antiquariats Kitzinger  anzuschauen. Auch dieses Antiquariat, das 1892 gegründet wur­de, ist eine der Institutionen in der Schellingstraße. Ich sollte lieber sagen „war“, denn die Regale sind heute leer. Das Gebäude wird saniert – das Geschäft ist weg. Zwar zieht die­ses nur ein paar Stra­ßen­züge weiter in die Amalienstraße, trotzdem: Es ist der Abschluss einer Geschichte, wie sie in München an vielen Ecken spielt.

im Bereich um die Schellingstraße schreitet die Gen­tri­fizierung und die Zerstörung von be­zahlbarem Wohn­raum in atemberaubendem Tempo voran. Ein ähnliches Schicksal droht auch vielen traditionellen Ge­schä­ften, deren Inhaber die teuren Mieten nicht mehr bezahlen können.


Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße – an der Schellingstraße 26 – befindet sich ein sehr schönes Ge­bäu­de mit Doppelerkerfront und sehr reichem Ju­gend­stil-Stuckdekor, 1897-1900 erbaut von Martin Dülfer. Hier wohnte von 1925 bis 1931 der spätere so­zial­de­mo­kratische Ministerpräsident Wilhelm Hoegner , der „Vater der bayerischen Ver­fassung“.

Schellingstraße 23


Weiter gehts in Richtung Westen. An der Ecke Schel­ling­straße/Türkenstraße befindet sich ein kleiner pa­vil­lon­artiger Neu­ba­rockbau, der 1901 von Adolf Schwiening und Hartwig Eggers errichtet wurde. Das Kiosk-ähn­li­che Ge­bäude, das ursprünglich eine Be­dürf­nis­an­stalt war, ent­hält heute das Bür­ger­büro des Be­zirks­aus­schusses Max­vorstadt und einen kleinen Modeladen.

Bürgerbüro


Das Verschwinden von unabhängigen, kleineren Ge­schäf­ten ist nicht nur ein Münchner Pro­blem. Hohe Mie­ten machen es auch andernorts Inhabern schwer. Der Druck von Ketten, Ein­kaufs­zen­tren und Internetanbietern wächst. Merkwürdigerweise scheint die Schel­ling­stra­ße diesem Trend zu widersprechen. Kleine Läden reihen sich aneinander in einer Vielfalt, die ich nicht erwartet hätte.



Schnell erkenne ich aber, dass es sich bei jedem dritten Laden um einen Gastronomie-Be­trieb handelt: Ver­pfle­gungsstationen für das Meer von Stu­denten, die sich in diesem Uni­ver­si­täts­viertel he­rum­trei­ben. Und wenn man es genauer betrachtet, dann entlarven sich auch die meisten dieser „kleinen“ gas­tro­no­mi­schen Betriebe als Filialen irgendeiner Restaurantkette: wie Dean & David  mit seinen „fresh salads“ und „hot curries“, das ve­ge­tarische Restaurant (Health restaurant) Dayas Kitchen  oder die Burrito company  mit seinem „Cali­fornian food“.

Eine vietnamesische Baguette? Tofu-Avocado-Salat? Oder vielleicht gefüllte vietnamesische Dampfnudeln mit Tofu? Oder sollen es würzige, lauwarme Reisbandnudeln mit frischen Früchten, Salat und Curry-Soße sein? Alles ga­ran­tiert vegetarisch! Immerhin scheint Bami House  ein Münch­ner Unternehmen zu sein mit „nur“ sechs Filialen.

Bami House

Die Trends in der Maxvorstadt sind also unverkennbar: Adieu, bayerische Küche, good Morning, Vietnam und Thailand! Die Tendenz zum Vegetarischen ist deutlich; die ita­lienische Küche (oder, was man dafür ausgibt) bleibt der Spitzenrenner.

Mein Lieblingsgericht: Wan-Tan-Suppe

Wenn man davon absieht, dass kein Italiener sein Res­taurant „Die Großmutter“ (wörtlich für La Nonna) nen­nen würde, wirkt die Speisekarte interessant und das Mot­to der jungen (anscheinend selbständigen) Be­trei­ber („No Pasta, no Party“) originell. Es scheint perfekt ab­ge­stimmt zu sein mit dem, was sich junge Leute von ei­nem tren­dy Lokal erwarten: vor allem viel Italian Sounding.

La Nonna


Diese Straße gefällt mir. Sie ist voller Leben und bietet zahlreiche Anreize für Neugierde und Fantasie. Manche Hinterhöfe strahlen eine Atmosphäre aus vergangenen Zeiten aus. Die Lifestyle-Läden und Modeshops sind Farbtupfer des Lebens und beim zweiten Hinsehen gibt es doch eine vielzahl von kleinen Läden der un­ter­schied­lichsten Art.

Es gibt gleich mehrere Augenoptiker, Läden, für die ich ein besonderes Interesse entwickelt habe, weil deren Schaufenster nicht selten mit großer Kreativität gestaltet wurden.

Nein! Man muss Papier, Postkarten, Schmuckkarten und dergleichen nicht bei Karstadt kaufen. Es gibt seit 35 Jahren einen kleinen Laden in der Schellingstraße 71. Es ist der Laden mit den „schönen Papieren“. Hier wird schönes Papier in allen Größen und Farben verkauft, Strukturen und Grammaturen, in kleinen und in großen Mengen, aber auch Buchblöcke und Buchschrauben, Stifte und Spitzer, Kladden und Klammern, Postkarten und Schmuckkarten und noch vieles mehr. Schön, dass es solche spezialisierte Geschäfte noch gibt.

Das sind zwar keine Waren, die Studenten jeden Tag kaufen, aber ja, es gibt in der Schel­ling­straße auch einige Juweliere.

Die Antiquariatsgeschäfte sind zwar aus der Straße ver­schwunden, nicht jedoch die Kunst- und An­ti­qui­tä­ten­läden. Ein Fest für die Augen!

Anderswo findet man Kunst aus dem Himalaja: Buddha-Statuen, Ritualgegenstände, Schmuck, Klangschalen, Thangkas (buddhistische Rollbilder), Möbel ...


So viele Bilder kann ich auf dieser Seite gar nicht un­ter­bringenn, aber ein paar Spe­zial­geschäfte möchte ich doch noch erwähnen.

Beispielsweise OHNE, der verpackungsfreie Supermarkt. Die Ware wird in Papiertüten oder Pfandgläser verpackt. Die Produkte werden auch (mit dem Lastenrad) nach Hause geliefert.

Oder HANF, der etwas andere Bioladen. Wenzel Cerveny eröffnete 2017 seinen ersten Laden in der Ein­stein­straße. Heute betreibt er zehn Hanfläden in Bayern, in denen er unter an­de­rem Tee, Pflegeprodukte und Lebensmittel mit Hanföl vertreibt. Mehrmals bekamen seine Läden Besuch von der Polizei. Doch die Rechts­lage ist klar: Laut Bun­des­ge­richts­hof (BGH) darf Hanftee, wenn er aus zer­ti­fi­zier­tem EU-Nutzhanfanbau stammt und der Gehalt an der psy­choaktiven Substanz Tetrahydrocannabinol (THC) 0,2 Pro­zent nicht über­steigt, auch an End­ver­brau­cher ver­kauft werden.


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Aber zurück zur Geschichtsträchtigkeit dieser Straße! Oberhalb des unscheinbaren Haus­eingangs des Hauses Nummer 50 (man kann es leicht übersehen) entdecke ich ein merk­würdiges, gerade noch zu erkennendes Emblem – einen Reichsadler. Der Kopf ist inzwischen ab­ge­schlagen, das Hakenkreuz wurde he­raus­ge­meißelt. Im August 1925 wurde in diesem Haus die Vor­läu­fer­partei der NSDAP ge­grün­det, der „Na­tio­nal­so­zia­listische Deutsche Arbeiterverein“. Hier hatte auch bis 1929 Heinrich Hoff­mann, der persönliche Fotograf Adolf Hitlers, sein Atelier.

Der Reichsadler der Schellingstraße 50


Direkt an der Kreuzung mit der Barer Straße steht ein beeindruckender neubarocker Eckbau mit reich stu­ckierter Fassade auf (Johann und Lorenz Grübel, 1897–1899). Darin befindet sich eine weitere Tra­di­tions­gast­stätte, der Schelling-Salon, der seit 1872 existiert. Die Fa­mi­lie Mehr  betreibt das Lokal in­zwi­schen in der vierten Generation.

Auch hier sind prominente Gäste zu erwähnen, unter anderen Bertolt Brecht, Wassili Kandinsky, Rainer Maria Rilke, der spätere erste Bundespräsident Theodor Heuss und Ödön von Horváth. Auch Adolf Hitler und Wla­di­mir Iljitsch Uljanow (Lenin) verkehrten hier. Hitler soll allerdings Lokalverbot bekommen haben, weil er sei­ne Zeche nicht zahlen wollte. In den 1960er-Jahren lernten sich der spätere RAF-Terrorist Andreas Baader und der spätere Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner im Schelling-Salon kennen. Eine wahrhaftig ge­schichts­träch­tige Straße! Franz Josef Strauß, der in der Schellingstraße aufwuchs, holte in seiner Jugend Bier für seinen Vater aus dem Schelling-Salon.

Der Schelling-Salon

Es gab eine Zeit, da kam ich öfters zum Frühstücken in den Schelling-Salon. Zu früher Stun­de ist der Lärm­pegel noch ziemlich niedrig, da kann man das altmodische Ambiente noch genießen und gemütlich Zei­tung lesen. Später, wenn die Billardspieler kommen, ist es aus mit der Ruhe. Ich mochte aber das alt­mo­dische Ambiente. Eine originellere Gaststätte gibt es in München nicht.

In den Bewertungsportalen bekommt der Schelling-Salon nur selten positive Bewertungen. Deshalb möchte ich an dieser Stelle ein paar Zeilen einer Bewertung zitieren, die es an sich hat: „Wer aalglatten Service, ge­hobenes (am Ende noch gesundes...) Essen und eine ge­die­gene Ein­richtung erwartet, ist hier fehl am Platz. Hier nagt nicht ein Zahn der Zeit, son­dern ein ganzes Kro­ko­dil­ge­biss an der Einrichtung, und auch einige der lang­jäh­rig-ver­dien­ten Servicekräfte könnten sich an schlechten Tagen als Frau Malzahn aus der Augs­burger Pup­pen­kiste verdingen. Aber hey, dies ist ein in­ha­ber­ge­führ­tes Traditionslokal, auf seine Art ein­zig­artig. Und die Inhaber und die Stammgäste wollen das so. Der Schelling-Salon ent­zieht sich allen gängigen Be­wer­tungs­maß­stäben.

Billard spielen


Neben dem Schelling-Salon gibt es in der Schellingstraße zahlreiche weitere denk­mal­ge­schützte Gebäude. Auf dem folgenden Bild (von rechts nach links) die Anwesen Nr. 58 (Mietshaus, Neurenaissance-Erkerfassade, reich ge­glie­dert, 1887 von Martin Win­ter­gerst erbaut), 60 (Neu­re­nais­sance, ebenfalls 1887 von Martin Win­ter­gerst) und 62 (Mietshaus mit der Osteria Italiana, vier­ge­schos­siger Neurenaissance-Eckbau mit Stuck­fas­sa­de, polygonalem Eckerkerturm und Zwerchhaus, von Johann Lihm, 1889/90).

Denkmalgeschützte Häuser


Das 1887 errichtete Café "Altschwabing" (Schellingstraße 56), ausgestattet mit prächtigen Säulen, hohen Stuck­decken und Kristalllüstern war ein Künstlertreff. Hier verkehrten Paul Klee, Franz Marc und Wassily Kan­dins­ky und Schriftsteller wie Thomas Maan, Stefan George und Franz Wedekind.

In meinen frühen Jahren in München war es eines der Cafés, die ich gerne besuchte, denn es hatte ein wenig den Charakter eines Wiener Cafés. Der Hauptnachteil war damals, dass man zu gewissen Zeiten keinen freien Tisch mehr fand. Als ich heute das Lokal besuche, entspricht nichts mehr meiner Erinnerung. Es ist 15 Uhr und es herrscht gähnende Leere! Die Erklärung kommt mir schnell ins Bewusstsein: Es ist kein Café mehr, es ist zum türkischen Restaurant mutiert. Das Ambiente ist ein völlig anderes. Die Stuckdecken und die Säulen gibt es zwar noch, aber die Wände, die Beleuchtung und das Interieur wurden „modernisiert“. Das Ambiente ist eher jenes einer Lounge: Die Beleuchtung ist düster, die modernen Tische und deren Aneinanderreihung sind typisch für ein Restaurant. Das Lokal hat seine Seele verloren!


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Die Osteria Italiana ist ein Restaurant im denk­mal­ge­schützten Anwesen Schellingstraße 62. 1890 als Osteria Bavaria gegründet war es eine der ersten Gast­stät­ten in München, die auf italienische Küche spe­zia­li­siert war. Die Ausstattung ist seit der Eröffnung weit­ge­hend er­halten geblieben. Die Osteria Italiana wur­de schnell zum Treffpunkt von Studenten, Pro­fes­so­ren und Künst­lern. Zu den Stammgästen zählte Oskar Maria Graf, der sich dort mit Redakteuren des Simplicissimus traf. In sei­nen Erinnerungen „Gelächter von Außen“ schildert er den unangenehmen Eindruck, den Adolf Hitler und seine Ge­folgs­leute auf ihn machten, wenn sie im Ne­ben­zimmer des Lokals saßen. Das Lokal war – nach seinem Raus­schmiss aus dem Schelling-Salon – zu Hitlers neuem Stammlokal avanciert.

Osteria Italiana

Das Lokal lebt von seinem Ruf und ist nicht gerade billig! Auf der Speisekarte findet man – neben vielen Recht­schreib­feh­lern – wohlklingende Gerichte wie: „Kastanien Creme Suppe mit Salbei Kroccant (12,50 €)“, „Thun­fisch Tartar mit Avocado und Sprossen (22,50 €)“, „Kartoffel Blätter mit Wachtelei und Tartufo Nero (22,50 €)“, „Goldbrasse vom Grill mit Mangold e Patate (32,50 €)“ und „Pferdefilet auf grüne Kohl mit Knoblauch“.


Mit dem Gebäude der Osteria Italiana hört der „schöne“ Teil der Schellingstraße auf. Von nun an reihen sich – mit wenigen Ausnahmen – nur langweilige Bauten der Nach­kriegszeit. Ein Großteil der Neubauten wurde in den 50er- und 60er-Jahren auf dem Schutt der Ruinen schnell, billig und meist sozial gefördert erstellt. Und genauso trostlos sieht es auch aus.


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