MÜNCHNER  SPAZIERGÄNGE

STAND: APRIL 2022


TAGESAUSFLUG IN DIE TROPEN


10. Februar 2022:

Schon seit 1809 gibt es in München einen Botanischen Garten. Er befand sich zunächst in der Nähe des Karls­platzes (Stachus). Dieser „Alte Botanischer Garten“ ist heute nur noch eine kleine Erholungsfläche im Herz Mün­chens. Zwischen 1911 und 1914 wurde dann der neue, mit 21 Hektar wesentlich größere Botanische Garten im Stadt­teil Nymphenburg angelegt.

Das Ensemble von Botanischem Garten und Botanischem Institut war eines der letzten großen Bauvorhaben der bayerischen Monarchie. Er ist kaum verändert erhalten geblieben, es gehört zu den Staatsbauten Mün­chens, die das Selbstbewusstsein des Königreichs Bayern in seiner Schlussphase unter dem Prinz­re­gen­ten Luitpold und dem letzten König Ludwig III. am deutlichsten ausdrückte.


Es ist dieses „Kaum-verändert“, das mich besonders anzieht. Sieht man einmal von der Garderobe der heu­tigen Besucher ab, kann man sich in diesem Garten gedanklich zurückversetzen in eine Zeit, in die Ar­chi­tek­tur noch nicht von der weltweit uniformen Formensprache der „Moderne“ beherrscht wurde. Spaziergänge fin­den somit in einem „Vintage“-Ambiente statt.



Von der Anfahrt mit dem Auto ist wegen Parkplatzknappheit eher abzuraten, besonder an den Wochenenden. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist es auch nicht ganz ohne. Vom Sendlinger Tor, dem Stachus und dem Hauptbahnhof fährt man am besten mit der Tram 17. Die Fahrtzeit ist etwa 20 Minuten. Wenn man vom Nor­den kommt (Olympia-Einkaufszentrum), ist der Bus 143 die beste Option.


ÜBERSICHTSKARTEN
- Gartenplan (Pdf)
- Online-Karte mit Baumsuche
- OpenStreetMap


Das Botanische Institut

In dieser Jahreszeit ist der Garten – verglichen mit der Pracht der schönen Jahreszeit – ziemlich kahl und farb­los. Aus diesem Grund sollen die Gewächshäuser das Hauptziel meines heutigen Spa­zier­gangs sein. Es soll gewissermaßen ein Tagesausflug in die Tropen werden.

Immerhin ist in der Wintersaison der Eintritt ins Freiland des Botanischen Gartens kostenlos. Will man sich das entgehen lassen? Zumal man sich das Gelände nur mit wenigen Rentnern teilen muss? Als ich also in aller me­di­tativen Ruhe eine erste Runde im Park drehe, fällt mir bald auf, dass mein erster Eindruck von win­ter­li­cher Farblosigkeit und entblößter Natur sich nicht bestätigt. Im schneefreien Gelände ist eine andere Art Vielfalt zu beobachten, die mich immer wieder zum Staunen bringt und meine Sinne anspricht.


Na, wer sagt's? Gleich am Anfang meines Spaziergangs stoße ich auf eine Blume, die ich spontan als „But­ter­blume“ zu erkennen glaube. So nannte ich sie jedenfalls in meiner Kindheit. Meiner Pflan­zen­be­stim­mung-App nach handelt es sich um einen Winterling (nomen est omen). Die Staude blüht oft schon im Februar. Zuerst erscheinen die goldgelben schalenförmigen Blüten. Der Kleine Winterling  gehört zur Fa­mi­lie der Hah­nen­fuß­ge­wächse (Ranunculaceae).

Winterling

Wenige Schritte weiter sehe ich schon die ersten Krokusse (Schwertliliengewächse), die Blumen, die den Früh­ling ankündigen. In zahlreichen Regionen der Alpen bilden Krokusse am Ende des Winters wunderschöne lila-weiße Blumenteppiche. Eines der bekannten Ziele ist der Heuberg bei Brannenburg. Jedes Jahr im Früh­jahr pilgern Hunderte von Wanderern zu den beiden Hütten Deindlalm und Laglerhütte.

Krokusse


Meine Kenntnisse der Botanik sind eher dürftig. Eine Ahnung, was Photosynthese bewirkt, habe ich gerade noch. Aber Blütenstand, Gymnosperme, Sporophylle, geflügelter Blattstiel? Das sind für mich Fremdwörter. Mein persönlicher Zugang zur Pflanzenwelt ist rein gefühlsmäßig und erfolgt über die Ästhetik der Formen und der Farben, welche die Natur zu­stande gebracht hat. Außerdem können Pflanzenwelten mich in entfernte Ge­gen­den oder in heimatliche Landschaften versetzen.

Wer ist denn nicht begeistert von dem Gewirr an Linien und Formen dieses „umschlungenen“ Baumes?

Oder muss man mehr über die Japanische Gleditschie (Johannisbrotgewächse) wissen, als dass die riesigen Dornen den Baum schützen sollen?

Gleditsia japonica

Freilich ist der Schmuckhof  vor dem Botanischen Institut in dieser Jahreszeit noch kahl und unansehnlich. Von der Pracht der ab dem Frühling blühenden Tulpen, Hyazinthen, Narzissen und Gänseblümchen ist nichts zu sehen. Und entlang dem terrassenartig ansteigenden Weg im Frühlingsgarten sind die Bäume durchgehend kahl. Umso auffälliger ist daher der Zaubernuss-Strauch, der mit einer zauberhaften gelborangen Blüte über­rascht.

Weiche Zaubernuss


Ich ziehe es vor, auf den malerischen Wegen im Arboretum  und in den südlichen Bereichen des Parks zu spa­zieren: im Rhododendronhain, in der Farnschlucht  und beim großen Teich. Für Interessierte stehen über­all im Freiland Informationstafeln zur Verfügung, die auf übersichtlicher Weise Eigenarten der je­wei­ligen Pflanzen erklären.

Stiel-Eiche


Rund um den großen Teich hat das Gelände weniger den Charakter eines „Parks“ und mehr den einer „Land­schaft“. Wann man vom Ostufer über den Teich blickt, könnte man denken, man wäre irgendwo auf dem Land in Oberbayern, inmitten einer fantastischen Moorlandschaft.


Die Atmosphäre, die der Botanische Garten ausstrahlt, ist so herrlich „vintage“. Beispielsweise das zur Was­ser­standsregulierung erbaute achteckige historische Pumpenhaus am Teich. Ein architektonischer Au­gen­schmaus.

Das Pumpenhaus


Die Gewächshäuser des Botanischen Gartens nehme ich mir zum Schluss vor. Auch hier geht es mir weniger um botanisches Wissen als um den „Zauber des Ortes“.


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Bäume sind faszinierende Lebewesen. Bäume sind Leben. Sie sind teilweise viele Millionen Jahre älter als wir Menschen. Wälder machen das Leben auf unserer Erde erst möglich. Dieses reich illustrierte Sachbilderbuch ist ein besonderer Wald­spa­zier­gang, der nicht nur die Anatomie der ver­schie­denen Blatt- und Baumarten er­klärt, sondern auch einen de­tail­rei­chen Überblick über die verschiedenen Wälder unserer Erde und deren tierische Bewohner gibt.

Wann immer ich in einer Stadt ankomme, die einen Botanischen Garten beherbergt, ist dieser einer meiner ersten Ziele. Von deren Tropenhäusern fühle ich mich angezogen wie Mücken vom Licht. Das Palmenhaus in Wien, das Palmenhaus in den Kew Gardens in London, der Palmengarten in Frankfurt am Main, sie alle waren Erlebnisse, die ich nicht vermissen möchte.

Von drei großen, in West-Ostrichtung hintereinan­der­liegen­den Hallen des Gewächshauses gehen seitlich kleinere Spezialhäuser ab. Die erste der großen Hallen ist trockenheitsliebenden Pflanzen aus Amerika, die letzte der gleichen Pflanzengruppe aus der Alten Welt gewidmet. Sie rahmen das zentrale Tropenhaus mit seiner 21 m hohen Kuppel ein.


Es ist für mich ein Erlebnis wie ein Kurzaufenthalt in den Tropen. Dabei vermittelt sich mir der Eindruck der Vielfalt tropischer und subtropischer Baumgestalten wie der von Palmen, Bambus und Bananenstauden; meine Fantasie versetzt mich in für wenige Momente in einen undurchdringlichen Dschungel; das „Hier und Jetzt“ wandert zu fernen Kontinenten.

Im Palmenhaus (Halle B)


Im Kalthaus  finden im Winter Gehölze Unterschlupf, die keinen Frost vertragen und vor allem auch die, die in unserem Winter blühen. Allen voran zu nennen sind die Kamelien, die das Bild des Hauses prägen und die Azaleen, die mit ihrer Blütenpracht besonders beeindrucken.

Rhododendren (Haus 11)


Das Baumfarnhaus: „Da blüht nichts, das sparen wir uns“: So einen Satz hört man angeblich ab und zu seitens einiger Besucher. Was für ein Mangel an Fantasie! Die grazile Schönheit der Baumfarne, dieser filigranen im­mergrünen Relikten aus der Urzeit, sie beeindruckt und überwältigt.

Baumfarne (Haus 10)


Neben der Faszination des "Sich-hinein-Versetzen" in das tropische (bzw. subtropische) Ambiente bereiten mir die Formen und die Strukturen, die die Natur zustandegebracht hat, einen besonderen Genuss. Selbstverständlich wäre es auch ein interessantes Thema, die evolutionsbestimmte Entstehung derselben zu erforschen. Weshalb ist die Oberfläche eines Blattes glatt, rau, porös? Welche Vorteile für das Überleben einer Pflanze haben die mannigfaltigen Formen seiner Blattränder (gesägt, gekerbt, gefranst, gewimpert ...) hervorgebracht?


BUCHTIPP:
Botanischer Garten München
Bekannte Autoren und Wissenschaftler stellen dieses großartige und so beliebte Münchner Juwel in historischen und aktuellen Beiträgen vor. Aus dem Inhalt: Allgemeine Entwicklung von 1914-2014 / Gartenarchitektur (Schmuckhof, Wege, Skulpturen / Technik für Bewässerung und Heizung / Pflanzen (Bäume, Nutzpflanzen, Rhododendren.)

Die Natur als Künstlerin! Was für eine Pracht!












In normalen Zeiten findet alljährlich von Dezember bis März eine Ausstellung von (lebendigen) tropischen Schmetterlingen statt. Dann schwirren neben 400 bis 500 Schmetterlingen aus mehr als 50 Arten durch das Wasserpflanzenhaus auch nicht wenige Hobbyfotograefn in der kleinen Halle herum.

Leider kann wegen der COVID-Pandemie die Ausstellung in dieser Saison (2021-2022) nicht stattfinden. Die folgenden Fotos stammen aus einem Besuch der Ausstellung vor einigen Jahren.


Papilio thoas

Für Interessierte: Das Wort „Schmetterling“ leitet sich von dem mitteldeutschen Wort Schmetten (Rahm) ab. Die Benennung basiert auf den alten Volksglauben, nach dem Schmetterlinge verwandelte Hexen seien, die Milch und Sahne stahlen. Regional wird der Schmetterling auch als „Buttervogel“ bezeichnet. Im Englischen heißt es dann „Butterfly“.


Heliconius ismenius


Morpho peleides


BUCHTIPP:
Das grüne München: Auf Erkundungstour durch historische Gärten und Parks
Den Englischen Garten und den Olympiapark kennt jeder. Doch München hat weit mehr Gärten und Parkanlagen zu bieten, die mit Blütenpracht, verschlungenen Wegen und großer Kunst von Bildhauerei bis Architektur glänzen: Der Hofgarten, die Maxi­mi­lians­anlagen, der Herzogpark, die Frühlingsanlagen und der Alte Botanische Garten sind nur einige dieser historischen Treffpunkte.