AUSFLUGSZIELE

STAND: APRIL 2022


HARBURG


20. SEPTEMBER 2021

Als ich vor einigen Jahren die Bundesstraße 25 in Richtung Norden fuhr, erschien mir plötzlich auf einem steil überragenden Felsen die markante Silhouette einer mächtigen Burg. Erst später erfuhr ich, dass es sich um Schloss Harburg handelte, eine der größten, ältesten und am besten erhaltenen Burganlagen Süd­deutsch­lands, die über der gleich­namigen Stadt an der Wörnitz thront.

Harburg ist eine Stadt im Landkreis Donau-Ries in Schwaben (Bayern). Sie liegt im Tal der Wörnitz an der Romantischen Straße zwischen Nördlingen  und Donauwörth .

Von da an stand die Stadt auf meiner Liste von besuchenswerten Ortschaften. Obwohl Har­burg von München aus in etwa eineinhalb Stunden mit dem Auto erreichbar ist, dauerte es doch einige Zeit bis zu meinem Be­such. Selbst mit der Bahn erreicht man Harburg – je nach Zeitpunkt – in nur eineinviertel bis eineinhalb Stunden. Es lohnt sich also bereits für einen Tagesausflug.



Und weil es im Schlosshotel Harburg  immer wieder günstige Angebote gibt, beispielsweise im Doppelzimmer für 49 bis 65 € pro Nacht und Person, stand auch dieses auf meinem Pro­gramm. Einmal herrschaftlich ruhen, romantische Stunden verbringen und fürstlich woh­nen – das wäre doch etwas!


Kaum am Schloss angekommen, beeile ich mich – es ist nur ein kurzer Spaziergang – zum Schöne-Aussicht-Punkt zu gelangen, denn ich befürchte, dass die fotogene Gewitterwolken-Stimmung nicht mehr lang be­stehen bleiben wird. Es sieht danach aus, als könnte sich die Wol­kendecke bald wieder schließen.

Burg Harburg

Der kleine Wald, der sich südlich der Burg erstreckt, löst bei mir unerwartete Emotionen aus. Die Wörter „Waldeinsamkeit“, „Stille“, “undurchdringlich“, „dunkel“, „Raubritter“, „Mittelalter“ und „Romantik“ jagen sich gegenseitig in meinen Gedanken. Auf einem Schlag wird mir bewusst, wie „deutsch“ mein Gemüt zu­weilen ist. Denn die Deutschen hegen eine tiefe Affinität zu „ihrem“ Wald, was in der Kunst der Romantik ei­nen ganz besonderen Aus­druck gefunden hat. Spätestens seit Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der Deutsche Wald als Sehnsuchtslandschaft in Gedichten, Märchen und Sagen auserkoren.

Der dichte Wald um die Burg

Mein nächstes Ziel hat kulinarischen Charakter. Es handelt sich um die fürstliche Waldschänke Eisbrunn, eine urige Gaststätte mitten im Wald, die weniger als vier Kilometer von der Burg entfernt ist. Ein ideales Ziel also, für eine Wanderung, die durch herrlichen dichten Wald führen würde.

Auf dem Weg dorthin könnte man auch einen Abstecher zum Bockberg  machen, mit 562 Metern eine der höchs­ten Er­he­bungen Nordschwabens. Von dort hat man einen Blick weit ins Nördlinger Ries, ein durch Me­teo­ri­ten­ein­schlag entstandener Riesenkrater (siehe dazu Nördlingen).

Hier ein Vorschlag (vom Wanderportal Bergfex) für eine solche Wandertour.

Der Wald bei Eisbrunn

Aus Zeitgründen und weil das Wetter immer noch auf der Kippe steht, beschließe ich, den Weg nicht „per Pe­des“ in Angriff zu nehmen, sondern „per Navi“. Ein kleiner Spaziergang unmittelbar in der Nähe der Gast­stät­te muss reichen. Rund um diese befindet sich auch ein von den fürst­li­chen Eigentümern (Oettingen-Wallerstein) angelegter Forstgarten mit zahl­reichen exotischen Baumarten.

Wovon lebt ein Fürstenhaus, wenn die Touristeneinnahmen nicht einmal für die Instand­setzungs­arbeiten herhalten? Der Wald ist der größte Vermögenskomplex des Fürs­ten­hau­ses. Und vom Wald hat das Haus eine ganze Menge, fast 11 000 Hektar. Dazu einige Hundert Hektar landwirtschaftliche Flächen.

Junge Rotbuche

Ich bin begeistert! Ein fast leerer Biergarten mitten im Wald. Der Himmel ist bedeckt, da und dort lugt etwas Blau heraus und vereinzelte Sonnenstrahlen setzen Lichtakzente. Die Sitz­bänke sind teilweise noch nass vom nächtlichen Regen, nasse braune Blätter zaubern ei­nen Anschein von Herbst herbei. Der Wald, der mich umgibt? Keine Fich­ten­plantage, guter alter deutscher Laub­wald. Die wetter­be­dingte Leere des Biergartens schafft es, eine Gemüt­lich­keit (kein Lärm, kein Hin-und-Her von Gästen und Kell­nern) zu erzeugen, die das Sitzen angenehm macht. Mich fröstelt es.

Waldschäenke bei Eisbrunn-


Die Burg, eine der besterhaltenen Burgen Deutschlands, ist der Blickfang schlechthin: Ob man sie als Auto­fah­rer, der auf die Stadt zufährt, erblickt oder vom der Stadt aus, wenn man am Wörnitz-Ufer flaniert, sie ist beeindruckend.

Burg Harburg und der Wörnitz

Nicht weniger sehenswert ist die historische Altstadt, die idyllisch am Ufer der Wörnitz liegt. Im Alt­stadt­bereich drängen sich zwischen der Wörnitz und dem Burgberg mittelalterlich verwinkelte Fach­werk­bau­ten und Barockgiebelhäuser zusammen.

An der Wörnitz


Der Blick vom Wörnitz-Ufer auf die im Jahr 1729 erbaute steinerne Brücke lässt mich vergessen, in welchem Jahrhundert wir uns befinden. In neun Bögen spannt sie sich über die Wörnitz. Für den träge und harmlos da­hinfließenden Fluss scheint die Brücke fast zu wuchtig gebaut zu sein. wenn sie den oftmals gewaltigen Hoch­wassern standhalten muss, die das Städtchen in schöner Regelmäßigkeit heimsuchen. Was heute eine Idylle ist, war bis zum Bau der neuen Betonbrücke an der südlichen Stadteinfahrt eine Verkehrshölle. Denn davor führte der gesamte Verkehr in Richtung Wemding, ob Omnibusse oder Lastwagen, über die alte steinerne Brücke.

Die steinerne Brücke


Die Schlosskirche St. Michael auf der Burg Harburg war lange Zeit für die Gläubigen das einzige Gotteshaus im Ort. So mussten die Harburger bei jeder Witterung den steilen Weg hinauf zur Burg bewältigen. Das änderte sich erst im Jahr 1420, als am Fuß des Burgbergs mit Unterstützung des Grafen Friedrich III. von Oettingen und dessen Sohn Wilhelm I. die St.-Barbara-Kapelle errichtet wurde.

1612 wurde dann an gleicher Stelle die heutige St.-Barbara-Kirche errichtet. Sie lehnt sich unmittelbar an den Berg an. Der Turm ist sogar in den Fels hineingebaut.

St.-Barbara-Kirche

Im Herbst 2020 haben sich in Harburg 20 Frauen zusammengetan und bis zu ein Meter große, bunte Mandalas (das sind geometrisches Schaubilder, das im Hinduismus und Buddhismus in der Kultpraxis religiöse Be­deu­tung besitzten) gehäkelt. Diese wurden zu bunten Bahnen zusammen verbunden und machen den Him­mel über der steinernen Brücke sowie über der Altstadt farbiger.

Die evangelische Kirche St. Barbara


Auf dem Marktplatz befindet sich der bronzene Marktplatzbrunnen, der vom Bildhauer Fred Jansen aus Oettingen gestaltet und im Rahmen der Altstadtsanierung 1996 errichtet wurde. Für diesen müssen sich Interessierte etwas Zeit nehmen, denn die zahlreichen plastischen Darstellungen muss man erstmals verstehen.

Das untere Becken symbolisiert durch deren Zunftzeichen die Handwerksberufe, die in der Stadt früher üblich waren.
Das mittlere Becken steht für die Stadtgeschichte. Unter anderem wird die französischen Belagerung gegen die in der Burg verschanzten Österreicher dargestellt. Des weiteren Figuren aus der Harburger Sagenwelt, wie der Schäfer vom Hüllenloch und der feurige Hund von Eisbrunn.
Am oberen Becken sieht man als Flachrelief die Silhouette der Burg und liest wichtige historische Daten und Fakten der Burg- und Stadtgeschichte.

Der Marktplatzbrunnen


Der Marktplatz hat jene Enge, die allen Straßen und Gassen des Städtchens eigen ist. In ihn münden die Do­nauwörther Straße, die Egelseestraße, die Nördlinger Straße  und die Schloß­straße  ein sowie das Gäss­chen Am Bogen. An den Namen lässt sich ahnen, wie der Ver­kehr hier rollte vor dem Bau der UmgehungsstraßeJetzt ist es fast eine Idylle.

Die Bebauung der Stadt auf mittelalter­lichem Grundriss ist geschlossen, dabei un­re­gel­mä­ßig: Es wechseln trauf- und giebelständige Häuser, erdgeschossige, zwei- und drei­ge­schos­sige Bauten. Die engen, stel­len­weise steilen Gassen zeigen in einfacher Ausformung, meist glatt verputzt, vereinzelt mit Fachwerk ohne Zier­ele­mente, den schlich­ten schwäbischen Giebelhaustyp.


Nachdem 1539 die Bevölkerung evangelisch gewor­den war, hatten die späte­ren katho­li­schen Harburger fast 300 Jahre lang keine eigene Kirche. Nach gro­ßen An­stren­gun­gen des „Geselligen Vereins der Katholiken Har­burgs“ wurde am 3. Mai 1903 nach dreijähriger Bauzeit die Herz-Jesu-Kirche eingeweiht.

Herz-Jesu-Kirche

Als ich den leicht ansteigenden Weg entlang gehend die Kirche erreiche, überrascht mich ein sanfter Chor, der aus dem Inneren derselben drängt. Um nicht aufdringlich zu sein, trete ich nicht ein, sondern setze mich auf eine Bank, lasse die Sonne auf mein Gesicht scheinen und höre zu. So ein Moment ist nach meiner Auffassung mehr als nur ein kleines, über­ra­schen­des Ereignis. Es unterstreicht die „Magie des Ortes“ und macht aus einem Ereig­nis ein Erlebnis.

In der Herz-Jesu-Kirche


21. SEPTEMBER 2021

Mich zieht es wieder hinauf zur Burg. Mit etwas mehr Zeit ausgestattet bestaune ich dies­mal vom Innenhof aus die mächtigen Mauern, Türme, Bauten und Wehrgänge der be­ein­dru­ckenden Burganlage. Die große Fe­rien­zeit ist vorbei, so habe ich dieses wun­der­ba­re Am­bien­te fast für mich allein!

Innenhof mit Pfisterbau und Fürstenbau

Mich wundert es, dass ich auch in der „fürstlichen“ Gast­stätte allein bin. Eine franzö­sische Reise­gruppe hat sich gerade aus dem Staub gemacht und mich meinen Gedanken über­lassen. Was für ein Glück – überlege ich –, dass es Michael Jackson Ende der 90er-Jahre nicht gelungen ist, diese vom fürstlichen Haus Oettingen-Wallerstein gepflegte Burganlage zu kaufen und zu einem Neverland  in Deutschland zu machen.

Aus dem Deal nichts, aber als Werbegag diente die Geschichte eine Zeit lang. Es gab damals an einem Sonntag mehr Besucher als zuvor im ganzen Jahr".

Fürstliche Burgschenke


Der Himmel spielt immer noch mit, so begebe ich mich wieder zum Wedelbuck, dem Nach­bar­felsen des Burg­bergs, auf dem sich die Aus­sichts­platt­form befindet, von der man einen herr­lichen Blick auf die Burg und die Stadt Harburg hat.

Im Juni 1800 wurde die Burg durch französische Truppen belagert: „Die Franzosen führten auf dem soge­nann­ten Wedelbuck gegen das Schloss eine Kanone auf, deren Donner furcht­bar hallte und die Bewohner des Krieges drohende Schreckensstimme hören lies.“ Die Ka­pi­tu­la­tion der öster­rei­chi­schen Besatzung ver­hin­der­te damals eine Zerstörung der Burg. Das war Anlass für die Feier eines Dankfestes, das noch heute in Har­burg an einem Sonntag im Juni jeden Jahres als „Bockfest“ gefeiert wird.

Wenn ich also vom Wedelbuck  auf die Burg schaue, können meine Gedan­ken tief in die Ge­schich­te ein­tau­chen. Nichts, was ich von diesem Aus­sichts­punkt sehe, verrät es, dass wir uns im 21. Jahr­hundert be­fin­den. Mit einem Fern­rohr könnte ich freilich die Pa­ra­bol­an­ten­nen auf den Dächern sehen, diese kann ich aber leicht mit der Fan­tasie wieder „weg­wischen“.

Harburg

Das 21. Jahrhundert liegt quasi „unter“ der Geschichte – in Form zweier Tunnels, die genau den Wedelbuck  und den Burgberg  unterfahren. 15000 Sprengungen erschüttern in den 1950er-Jahren das Wahrzeichen des Ortes.


Es war einmal . . .“: So beginnt fast jedes Märchen. Und jeder ist mit den Märchen und Sa­gen groß geworden. Wer sich in diese Märchen­welt wieder zurück­ver­set­zen will, dem sei der Harburger Mär­chenweg empfohlen. Erstmals wurde der Weg 2019 im Rahmen des Har­bur­ger Kul­tur­som­mers einge­richtet. Nach dem großen Er­folg wird der Weg jedes Jahr (Mai bis Oktober) erneut aufgebaut.

Tischlein deck dich

Die Idee dazu hatte eine Privat­person, Gabi Steger. Der Märchenweg  wird von vie­len flei­ßi­gen Helfern aus Har­burg und Umge­bung jähr­lich aufge­baut. Vom Wörnitz­strand be­gin­nend oder vom oberen Burg­park­platz aus führt der Weg rund um die Burg. Dabei können die ver­schie­dens­ten Märchen bestaunt und erraten werden. Ver­treten sind neben den klas­si­schen Märchen der Gebrüder Grimm auch moderne Märchen.

Jedes Märchen ist anders und ganz kreativ ge­staltet. Ob gemalt, genäht, aus Holz, Metall oder Ton. Sogar Bäume haben hier Ge­sich­ter und die Hand­läufe entlang des Weges sind ganz be­son­ders verziert und helfen der Orien­tierung.

Rotkäppchens böser Wolf

Das Gelände rund um Schloss Har­burg ist aller­dings nicht für Kin­der­wa­gen ge­eignet. Die Wege sind natur­be­lassen und nur mit gutem Schuh­werk zu begehen.

Die sieben Raben


Was für Arbeit steckt in diesem Märchenweg. Wie viele Frei­wil­lige haben ge­schrie­ben, gemalt, ge­strickt und gehä­kelt, um all die kleinen Objekte her­zustellen!

Schneewittchen


Das „Märchenhafte“ hört für mich nicht auf, wenn ich mich vom Märchen­weg ent­fer­ne. Stel­len­weise gleicht näm­lich der Wald selbst ei­nem ver­zau­ber­ten, fast mysti­schen Ort. Und dort ,wo er am dich­tes­ten und dun­kel­sten ist, bin ich – ein Zufall? – wieder allein in ein­samer Stille. Ich will den Mode­begriff „Wald­baden“ nicht strapa­zieren, denn so ein Moment ist für mich mehr als nur ein Na­tur­er­lebnis. Es ist auch ein Er­lebnis von Zeit, Erin­ne­rungen, Sehn­sucht.


Als ich zurück bei der Burg bin, erlebe ich wieder einer jener „Licht“-Momen­te, die den Fo­to­gra­fen in mir im­mer so mitrei­ßen. Jetzt ist es die Rück­seite der Burg, die von einer gol­denen Spät­nach­mit­tag­sonne ver­zau­bert wird. Vermutlich bin ich immer noch im Märchen.

Harburg


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