WISSENSWERTES

STAND: APRIL 2022


MÜNCHNER ORIGINALE


14. JULI 2021

Was wäre München ohne seine Originale? Exzen­triker, Spaß­macher, Volkssänger, Ka­ba­rettis­ten, Revoluzzer, Spötter und – Freaks. So viele gab und gibt es eigentlich nicht, aber sie haben alle dazu beigetragen, die Seele der Stadt zu formen und den Menschen ein Zu­ge­hö­rig­keits­gefühl zu geben, als gehörte man alle zu einer gro­ßen Familie. Die Medien machen es möglich. Man ist in München nicht wirklich „angekommen“, wenn diese be­son­deren Menschen einem kein Begriff sind.

Heutzutage sind es meistens Film und Fernsehen, die solche Persönlichkeiten bekannt machen, aber es gibt auch Ausnahmen wie beispielsweise den Charmanten, stets braun gebrannten Dieter Schweiger (Obststandl-Didi). Wer hat noch nie bei ihm einen Apfel gekauft? Er ist in München eine Berühmtheit. Seit dreißig Jahren, sechs Tage die Woche, steht er hinter seinem Obst-und-Ge­mü­se-Stand direkt an der Leopoldstraße, zwischen Universität und Siegestor.

Die 70 Jahre alten Ohlschläger Zwillinge, die in Hot Pants oder Badehosen, mit Lackstiefeln und auffälligen Handtaschen in den Münchner Straßen unterwegs sind, sind ein besonderer krasser Fall von Originalität. Sie lieben grelle Farben und schmücken sich gern mit bunten Plas­tik­per­len­bän­dern. Kaum ein Münchner, der die beiden Paradiesvögel noch nie gesehen hat.


Originale gab es immer schon. Es bedurfte nicht der Medien, um Bekanntheit zu erlangen. Die Stadt war klein, jeder kannte jeden in seinem Viertel, Ex­zen­tri­ker und Außenseiter fielen leicht auf. Einige Bei­spiele aus der Vergangenheit findet man, wenn mit offe­nen Au­gen in der Alt­stadt spazieren geht.

Während das Karlstor  am Stachus  eine der be­kann­testen Sehenswürdigkeiten Münchens ist, dürften die Per­sön­lichkeiten, die von den Re­lief­büs­ten unter dem Mit­tel­ge­wölbe des Tors dargestellt werden, weniger bekannt sein. Es empfiehlt sich, kurz innezuhalten und einen Blick nach oben zu werfen. Die sogenannten „Kragen­köp­fe“ stellen herausragende Münchner Originale dar. Neben dem Kutscher Franz Krenkl, dem Baron Sulzbeck  und dem Finessensepperl  blickt auch Bayerns letzter Hofnarr Georg Pranger  auf die Passanten herab.

 


DER FINESSENSEPPERL


Joseph Huber  (1763-1829) wurde „Fi­nes­sen­sep­perl“ genannt, denn er fungierte als „Pos­til­lion d'Amour“ (Überbringer von Lie­bes­brie­fen). Sein Zustellungslohn waren lediglich ein paar Kreuzer oder Naturalien. Er war bekannt für seine oft treffenden, witzigen oder skur­rilen Aussprüche, die so zahlreich und allgemein bekannt waren, dass schon zu seinen Lebzeiten ein Buch mit der Sammlung seiner Taten und Aussprüche erschien. Der be­kann­tes­te, zur Münchner Redensart gewordene ist: „Nix Gwiss woas ma ned“. Er war schlau und schien gerade das Gegenteil davon zu sein; er konnte nicht lesen und schreiben und ver­stand sich doch darin. Weil er un­ge­wöhnlich klein von Wuchs gewesen sein soll, be­han­del­ten seine Zeitgenossen ihn wie eine Art Jahrmarktsattraktion. Als starb, sollten seine sterb­lichen Überreste nicht ihre letzte Ruhe auf dem Friedhof finden, sondern als Aus­stel­lungs­stück des pathologischen Instituts in München dienen.

 


FRANK XAVER KRENKL


Gäbe es eine Hitliste der meistverwendeten ba­ye­rischen Sprüche, hätte der Ausspruch „Wer ko, der ko!“sicher gute Chancen auf einen der vorderen Plätze. Urheber dieser Re­de­wen­dung soll ein nieder­baye­ri­scher Lohn­kut­scher namens Xaver Krenkl  sein. Krenkl, der ab 1806 in München lebte, war erfolgreicher Pfer­de­händ­ler und betrieb außerdem eine Lohn­kutsche­rei für wohlhabende Kunden. Sein Rennstall errang beim Ok­to­ber­fest­ren­nen vier­zehn­mal den Meistertitel.

Bleibende Berühmtheit erlangte Krenkl aber, als er die Kutsche von König Ludwig I.  im Englischen Garten ver­botswidrig überholte. Denn der König und die Königin und was alles sonst noch zur Fa­milie gehörte, durfte auf ihren Ausfahrten unter kei­nen Umständen überholt werden.

Als ihm der König empört nachrief, ob er nicht wisse, wen er da vor sich habe, drehte sich Krenkl zur Kut­sche des Königs um, zuckte die Schultern und antwortete mit eben jenem: „Majestät, wer ko, der ko!“ (Majestät, wer kann, der kann!). Ob sich die Geschichte tat­sächlich so zu­ge­tragen hat, wissen nur die beteiligten Herren. Der Ausruf wurde zum ge­flü­gelten Wort.

 


DIE TAUBEN-MARIE


Die als „Taubenmutterl“ oder „Tauben-Marie“ be­kannte Therese Schedlbauer (1853-1940), war ein Original der Münchner Tierliebe, Sie gehörte bis zu ihrem Tod im Jahre 1940 zum selbst­ver­ständ­lichen Bild der Altstadt. Tag für Tag war sie für ihre Tauben da, nicht zuletzt zum Ärgernis vieler Haus­besitzer und Denk­malpfleger. Dank der Tauben­mut­terl pros­pe­rier­te das Geschäft der Draht­netze-Hersteller, die zahlreiche Münchner Mo­nu­men­te mit ihren zum Leid aller Fo­to­grafen auf den Bildern erkennbaren Netzen einzäunten.



1958 ließ die Vereinsbank in der Maffei-Passage eine 1,20 Meter große Majolika-Figur (von Professor Hen­sel­mann modelliert) stellen, die mit der ge­strickten Rüschenhaube und dem weiten Schurz, in dem sie Futter brachte, un­schwer als Tauben-Ma­rie  zu erkennen ist. Das Denk­mal wurde später in einen der Fünf Höfe versetzt, samt idyllischem Brunnen und zwölf Betonhockern.

Majolika-Säule des Tauben-Marie-Brunnen

 


KARL VALENTIN


Karl Valentin (1882-1948), mit bürgerlichem Namen Valentin Ludwig Fey, war ein Münchner Komiker, Volks­sänger, Autor und Filmproduzent.

Valentin war ein Wortvirtuose: Sein Sprachwitz zielte besonders auf ihn selbst; unterstützt wurde sein Humor durch seine lange, hagere Gestalt, die er durch slap­stickartige Einlagen betonte. Der Pessimismus und die Tragik seiner Komik wurden durch den ständigen Kampf mit alltäglichen Dingen wie der Aus­ei­nan­der­setzung mit Behörden und Mitmenschen ge­nährt. Zusammen mit seiner Büh­nenpartnerin Liesl Karlstadt  bildete er eines der be­rühm­tes­ten Ko­mi­ker­paare im 20. Jahr­hun­dert. Viele der über 400 Sketche und Komödien der beiden trugen ihre Handschrift.

Für Details über sein Leben und seine Werke siehe  karl-valentin.de.

Karl-Valentin-Brunnen (Viktualienmarkt)

  • Alle reden vom Wetter, aber keiner unternimmt was dagegen.
  • Der Mensch is guad, de Leit' san schlecht!
  • Kunst kommt von können, nicht von wollen, sonst müsste es ja Wunst heißen.
  • Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut.
  • Hoffentlich wird es nicht so schlimm wie es schon ist!
  • Als ich das Licht der Welt und sodann die Heb­amme erblickte, war ich sprachlos. Ich hatte die­se Frau ja noch nie in meinem Leben gesehen.

Das Karl-Valentin-Musäum

 


VÄTERCHEN TIMOFEJ


Mitten im Olympiapark in einem um­zäun­ten Areal findet man einen lie­be­voll ge­stalteten Garten mit Blu­men­wie­sen, Gewächshäusern und Obstbäumen. Darin be­fin­det sich ein orthodoxes Kirchlein, die „Ost-West Friedenskirche“.

Hier lebte mehr als fünfzig Jahre lang Timofej Wassiljewitsch Prochorow (1894-2004), von den Mün­chnern liebevoll Väterchen Timofej genannt, der nach Jahren der Odyssee von Russ­land nach München gekommen war. Aus dem Kriegsschutt des Zweiten Weltkrieges bau­te er zusammen mit seiner Frau nach und nach ein kleines Haus, eine Kapelle und eine kleine Kirche.

Väterchen Timofej

Ende der sechziger Jahre wollte die Stadt München ihn ausquartieren, weil das Areal für die Stätten für die Olympischen Spiele 1972 bebaut werden soll­ten. Doch die Münchner machten nicht mit. Es hagelte Proteste und die Stadt ließ die Schwarz­bau­ten, die Timofej von niemandem er­worben und doch mit einem Sta­chel­zaun als Klos­ter­grund umgrenzt hatte, stehen, denn Gott und die Münchner waren sichtbar auf seiner Seite. So konnte diese klei­ne russische En­klave erhalten bleiben. Für Detail siehe Väterchen Timofej.

 


BALLY PRELL


Wie oft bin ich an dem kleinen Brunnen an der Leopoldstraße 77 vorbeigegangen und habe mich gefragt, wen die merkwürdige Frauenfigur des Brunnens wohl darstelle. Es war ein reiner Zufall, der mir die Aufklärung brachte. Eine Reiseführerin erzählte gerade einer klei­nen Gruppe von Touristen, dass in diesem Ju­gend­stil­haus die als Bally Prell (1922-1982) bekannt gewordene Agnes Pauline Prell  ihr ganzes Leben verbracht hatte. Sie war Hu­mo­ristin und Volkssängerin, eine au­ßer­gewöhnliche Frau mit einer für eine Frau außergewöhnlich tiefen Stimme.

Bally Prell (der Brunnen)

Bereits als Fünfjährige trat sie im Münchner Odeons-Saal auf und begeisterte die Zuhörer mit ihrer Stimme, einer Tenorstimme, mit der sie auch klassische Arien singen konnte. Nur dass es für eine Frau mit einer derart „männlichen“ Stimme keine Rollen gab. So ist es nicht überraschend, dass die hochbegabte, stimmgewaltige junge Frau mit der üppigen Figur kein Erfolg auf dem Konzertpodium erreichte, sondern auf der Volks­sän­ger­bühne am Platzl mit einer parodistischen Nummer.

Am 31. Oktober 1953 trat sie zum ersten Mal im Münchener Platzl mit ihrem Lied „Die Schönheitskönigin von Schneizlreuth“ auf, das ihr von ihrem Vater, dem Komponisten und Volkssängers Ludwig Prell  buchstäblich auf den Leib geschrieben wurde: eine Parodie auf die damals wieder entdeckten und sehr beliebten Miss-Wahlen. Zu ihrem Programm ge­hörte auch das ebenso von ihrem Vater komponierte „Isarmärchen“. Dem Platzl blieb sie bis an ihr Lebensende verbunden. 1956 und 1957 war sie auch in Filmen zu sehen, wie in Hei­ra­ten verboten  und in Zwei Bayern im Harem.

Mich, die Salvermoser Zenz
Ham’s zur Schönheitskonkurrenz
Nach München auffigschickt
Unter 20 solche Nassl
Hab ich ghabt des Riesnmassl
Und den 1. Preis gekriegt.
Mein Bürgamoasta, der wird linsn
Und mei Hiasl, der wird grinsn
Meinen Freundinnen stinkt er schwer
Doch das lässt sich sehr leicht denken
Zwengn den Haufen von Geschenken
Und der Reuse übers Meer
Hahahahaha
Ja, ja, jajajajaja
Ja, was sagn’S denn da
Ich, die Schneizlreutherin
Bin Schönhoitskönigin
Ja, ja, jajajajaja,
Dass dieses Wunder geschah
Das allein verdank ich nur
Meiner zierlichen Figur.

Das Privatleben dieser Frau blieb weitgehend unbekannt, verborgen hinter der Maske der Frau, die sich und ihre korpulente Figur parodierte, indem sie mit einem rosa Rüschenkleid, weiß-blauer Schärpe und goldenem Krönchen auftrat und sang: „Ha, bin ich vielleicht nicht schön“?

Im Münchner Stadtmuseum werden zu ihrem Andenken ihr bekanntes Bühnenkostüm, bestehend aus einem blumigen Rüschenkleid, dem Sonnenschirm, den Halbhandschuhen, dem gezackten Krönchen und der weiß-blauen Schärpe mit dem Aufdruck „Miss Schneizlreuth“ im Original aufbewahrt.

Der vor dem Haus in der Leopoldstraße von Wolfgang Sand 1992 entworfener Brunnen widerspiegelt dieses bekannte Buhnenkostüm. In einem Neubaugebiet im Lochhausen wurde 2007 eine Straße nach ihr benannt.

 


HELMUT FISCHER


Helmut Fischer (1926-1997) war ein Schauspieler, der vor allem durch seine Rollen als ba­ye­ri­scher Volks­schau­spieler bekannt wurde. Er verkörperte in seinen Rollen den char­man­ten Hallodri und Vor­stadt-Ca­sa­no­va. Fischers Markenzeichen war sein staksiger Gang, der mit einem Band­schei­ben­scha­den zu­sam­men­hing.

Die beruflich entscheidende Begegnung Helmut Fischers war die Bekanntschaft mit dem Film- und Fern­seh­regisseur Helmut Dietl, die er 1974 in seinem Schwa­binger Stammcafé Münchner Freiheit  machte. Daraus wurde eine lebenslange Freund­schaft und Berufs­part­nerschaft. 1978 en­ga­gier­te ihn Dietl für die BR-Serie „Der ganz normale Wahn­sinn“, in der Fischer auf Anhieb zum Publikumsliebling wurde. Ab 1979 spielte Fischer in der BR-Serie „Der Millionen­bauer“, Der wirkliche Durch­bruch kam mit der Serie „Monaco Franze“, die zur Kultserie wurde.

Monaco-Franze-Denkmal (Münchner Freiheit)

A bisserl was geht immer“ war Monaco Franzes Motto. Vor 40 Jahren erschufen Helmut Dietl und Helmut Fischer die Figur Monaco Franze, die zur Kultfigur avancierte.

Imma des Gschies mid da Elli


FILMTIPP:
Monaco Franze - Der ewige Stenz
Sein Leitspruch lautet: „A bissel was geht immer. Franz Münchinger alias Monaco Franze ist Kri­mi­nal­kom­missar in Mün­chen und verheiratet mit der wohl­si­tuier­ten adeligen Annette von Soet­tin­gen. So grund­ver­schie­den sie sind – er ein Kind aus dem klein­bür­ger­lichen Westend, sie die Da­me von Welt – können sie nicht von­ei­nan­der lassen.

 


RUDOLPH MOSHAMMER


Rudolph Hans Albert Moshammer (1940-2005), von den Münchnern liebevoll „Mosi“ genannt, war ein pro­minenter Münchner Modedesigner, Inhaber einer Boutique auf der Münchner Maximilianstraße. Durch sein ex­zen­tri­sches Auftreten in der Öf­fent­lichkeit – bis 1993 an der Seite seiner Mutter – wur­de Moshammer ab den 1980er-Jahren bun­des­weit bekannt. „Mosi“ wurde zum schrillsten Pa­ra­dies­vogel der Schickeria. Die tief­schwar­ze Pe­rücke mit den zwei Strähnen auf der Stirn und die Yorkshire-Dame namens „Daisy“ waren seine Markenzeichen.

Rudolph wuchs zunächst in gesicherten Ver­hält­nissen auf. Als dann sein Vater seinen Job verlor und in die Ob­dachlo­sigkeit abdriftete und sich schließ­lich erschoss, war das der Anfang einer langen Zeit von „Kälte und Dun­kel­heit“. Rudolph und seine Mutter mussten jahrelang gegen die wirt­schaft­liche Not kämpfen. Aber er wollte mit aller Kraft nach oben, sich endlich wieder „satt essen können“ und „menschliche Anerkennung finden“. Er machte eine Textillehre und begann zu zeichnen und Mode an der Münchener Modeschule zu ent­werfen. 1969 eröffnete er seine erste Boutique, die Herrenmode der Luxusklasse anbot – und hatte damit Erfolg.

Bald ließen sich Prominente aus aller Welt in seiner Edel­boutique einkleiden. Erfolg, Luxus, Glamour, Reich­tum – Moshammer hatte endlich reichlich davon. In seinem Rolls Royce fuhr er durch die Stadt und besuchte die Partys der Schickeria.

Ein sehenswertes Interview

Doch er vergaß niemals seine schwierigen Jahre und blieb ein Leben lang sozial engagiert. Er gründete den Verein „Licht für Menschen ohne Obdach“, sammelte Geld und Kleidung. Noch kurz bevor er starb, wollte er ein Haus für Obdachlose bauen. Das schaffte er nicht mehr, denn 2005 wurde der extravagante Designer in seiner Villa im noblen Münchner Vorort Grün­wald tot aufgefunden, getötet von einem Mann aus dem Strichermilieu.

Um das folgende Bild zu verstehen, muss man an die Aktion Münchner Löwenparade erinnern, eine Aktion des Vereins Münchner Löwenparade Leo e.V., bei der vom 28. April 2005 bis Ende Oktober 2006 im Stadtgebiet Münchens über 500 Löwen aus glas­fa­ser­ver­stärktem Kunststoff mit größtenteils kunsthandwerklicher Bemalung aufgestellt wurden.

Rudolph Moshammer als Löwe

 


SCHWABINGER GISELA


Schwabing ist das Stadtviertel, das weltweit mit der bayerischen Hauptstadt in Verbindung gebracht wird. Gerade Altschwabing steht für die goldene Jahre Münchens und löst noch heute bei jedem Münchner ein gutes Gefühl aus.

Gisela Jonas-Dialer (1929-2014), besser als „Schwabinger Gisela“ bekannt, war eine Chan­son­sän­gerin, die mit ihrem 1952 in München-Schwa­bing eröffneten Lokal Bei Gisela zu einer In­sti­tu­tion wurde. Bei ihr trafen sich Menschen aus allen gesell­schaft­lichen Schichten und Al­ters­klas­sen, prominente und weniger pro­mi­nente Gäste.

Die Schwabinger Gisela sang mit ihrer dunklen Stimme auch leicht schlüpfrige Texte. Udo Jürgens und später auch Konstantin Wecker begleiteten sie am Klavier. Internationale Berühmtheiten wie Edward Kennedy, Juri Gagarin, Leonard Bernstein, Orson Welles, Ava Gardner und Kirk Douglas kamen zu ihr, als sie in München waren.

Für viele Münchner ist Schwabing auch heute noch ein Lebensgefühl: Nachmittags im Café, Flanieren auf der Leopoldstraße, laue Abende im Englischen Garten und Kleinkunst rund um die Münch­ner Frei­heit. Auch wenn die goldenen Jahre vorbei sind, für die Gisela Jonas  stand. In den 1960er- und 1970er-Jahren waren die international be­gehr­tes­ten Clubs vor allem in Schwabing: Wo heute die Schauburg am Elisabethmarkt ist, eröffnete 1967 das Blow Up, die erste Groß­raum­dis­co Deutsch­lands, in der Jimi Hendrix seine ersten Live-Auftritte in der Republik hatte. Dann wurde der Stadtteil zum Mode-Viertel für die Schickeria und Prototyp der Gen­tri­fi­zie­rung: Nach den Künstlern kamen die Cafés, die zogen Yuppies an, die Mieten stiegen und allmählich verlor das Viertel seine Echtheit und seinen Charme.

 


GERHARD POLT


Gerhard Polt (Jahrgang 1942) ist ein Münchner Ka­barettist, Autor, Fernseh- und Film­schau­spieler. In sei­nen Rol­len per­sifliert Polt meist den eng­stir­ni­gen Bür­ger und dessen stumpf­sin­nigen Ansichten. Seit über 40 Jahren brilliert Polt als Kabarettist und Satiriker, als Film­regisseur, Ge­schich­ten­er­zähler und Philo­soph. Wenn er auf der Bühne ist, dann werden die Zuschauer unwei­gerlich in seinen Bann gezogen.

Polt ist ein begnadeter Beobachter. Er schaut seinen Zeit­genossen genau aufs Maul und bedient sich bei seinen Sketches gerne bestimm­ter Kli­schees: beispielsweise die Intoleranz der Deutschen oder deren Frem­den­feind­lichkeit („Der Asiate schmutzt nicht“). Aber auch In­tel­lektuelle, Neu­reiche, Beamte oder Politiker bleiben nicht un­ver­schont und werden von ihm pointiert dar­gestellt.

  • Wir hamma heuer mal so eine Weltreise g'macht. Aber ich sag's Ihnen gleich wia's is: da fahrma nimmer hin.
  • Ich sage Ihnen, wenn in einem Backhendl oder Wiener Schnitzel eine Fischgräte drin ist, dann stimmt etwas nicht.
  • Wenn du vor einer Schildkröte stehst, und es sagt dir einer, die ist jetzt 260 Jahre alt, dann hast du schon einen Respekt. Du kannst allerdings auch sagen: 260 Jahre lang bloß Salat fressen, das ist die andere Seite der Medaille.
  • Der Freistaat Bayern – das ist eine Demokratie. Kein Mensch hier bei uns wird gezwungen, eine Minderheit zu sein. Ein jedweder hat das Recht, sich zur Mehrheit zu bekennen.
  • Wir haben keinerlei Meinung, aber die dürfen wir überall und frei äußern.

Polt und die Biermösl Blosen (Copyright Usien)

Einem größeren Publikum wurde Polt durch seine zwölf­teilige Sketchreihe Fast wia im richtigen Leben be­kannt. Seine Partnerin in diesen vom Ba­ye­ri­schen Rund­funk pro­du­zierten und 1979 erstmals ausgestrahlten Sendungen war Gisela Schnee­ber­ger. Es folg­ten Kino­fil­me wie Kehraus, Man spricht deutsch und Germanikus.

Fast wia im richtigen Leben

 


WILLY MICHL


Willy Michl (1950), eigentlich Wilhelm Karl Michl, ist ein überregional bekannter Münchner Lie­der­macher. Der Sänger ist auch als Isarindianer be­kannt. Sein im Per­sonalausweis ein­getragener spi­ri­tuel­ler Künstler­name Sound of Thunder  ist ein Zei­chen seiner Ver­bun­denheit mit den indigenen Völ­kern der Welt. Außerdem gilt Michl als Schöpfer des Mu­sik­gen­res „Bairischer Blues“.

Seine Musik ist beeinflusst von Jazzgrößen wie Louis Armstrong, Glenn Miller und Benny Goodman, ins­be­son­dere aber auch von Rock ’n’ Roll Stars wie Bill Haley und Elvis Presley. Außerdem haben Willy Michl die Beatles, Rolling Stones, deutsche Stars wie Udo Jürgens und Drafi Deutscher, aber auch Barry McGuire und Bob Dylan in seinen Anfängen inspiriert.

Michl sieht alle Menschen, „egal woher sie kommen und wohin sie gehen“, und alle Le­bewesen als seine „Brü­der und Schwestern“. Zugleich beherrscht der Sän­ger und En­ter­tainer auch die Kunst der Iro­nie, auch auf sich selbst bezogen. Sein Lieblingsort ist – wie könnte es anders sein? – die Isar. Sein Lied „Isarflimmern“ ist de facto zur als in­of­fi­ziellen Hymne Münchens geworden.

Isarflimmern

 


DER PUMUCKL


Eigentlich ist dieser „Münchner Original“ nur eine fiktive Figur, seine Autorin ist zudem keine Münchnerin, aber dank der Fernsehserie, die im typischen Münchner Ambiente spielt, ist aus dem Pumuckl ein wasch­echter Münchner geworden!

Die Kinderbuchautorin Ellis Kaut erfand 1962 die Figur Pumuckl, die zuächst als Hörspiel im Bayerischen Rundfunk gesendet wurde. Ab 1965 erschienen dann die Bücher und ab 1982 die Fernsehserie Meister Eder und sein Pu­muckl. Sie handelt von dem kindlichen Kobold Pumuckl, der für den Münch­ner Schreinermeister Franz Eder sichtbar wurde, weil er an dessen Leimtopf kleben geblieben war. Nach „Koboldsgesetz“ muss Pumuckl nun bei diesem Menschen bleiben.

Der Pumuckl (Wandmalerei im Westend)

Am 21. Februar 1962 hatte der Bayerische Rundfunk das erste Pumuckl-Hör­spiel gesendet. 20 Jahre später, im September 1982, startete die Fern­seh­serie. Am 21. Februar 2022 wird also Pumuckl, der Kobold, der fiese Strei­che macht, alberne Reime erfindet und meistens erfrischend un­ge­hor­sam ist, 60 Jahre alt. Ganze Ge­ne­rationen von Kindern sind mit den Ge­schich­ten des Schreinermeisters Eder und seines frechen Kobolds aufgewachsen.

Ein paar Szenen aus der Serie

In der Fernsehserie trieb der Kobold vor allem in Münch­ner Stadtviertel Haid­hausen sein Unwesen. Der Jour­nalist Sebastian Kuboth hat die Drehorte re­cher­chiert und veranstaltet regelmäßige Führungen zu den „Locations“.


BUCHTIPP:
Münchner Originale (Liebenswerte Sonderlinge von gestern und heute)
In allen Jahrhunderten tummelten sich in München liebenswerten Sonderlinge, die aus allen Bevölkerungsschichten kamen und stadtbekannt waren. Aber auch in unsren Tagen gibt es sie noch. So sind wohl jedem Münchner das Väterchen Timofej oder der Monaco Franze ein Begriff.

BUCHTIPP:
111 Orte in München, die man gesehen haben muß
Wussten Sie, dass Thomas Manns Braunbär zum Greifen nah in München steht, dass Michael Jackson für immer an der Isar bleibt und dass es in Mün­chen neben Hellabrunn einen zweiten Zoo gibt? Haben Sie schon einmal in Fröttmaning Halluzinationen gehabt, in einer Theaterkantine einen tollen Abend verlebt oder köstlich zwischen Fresken gespeist? Dieses Buch führt selbst Münchner an Orte, die sie stau­nen lassen, und erzählt Ge­schich­ten, die noch niemand gehört hat. Und das gleich 111 Mal.